Publications

July 2011 | Handelsblatt | Download Interview

«Du kannst alles verlieren, (...) nur nicht das, was Du im Kopf hast.»

Sie gilt als eine der reichsten Schweizerinnen, doch das reicht ihr nicht. Carolina Müller-Möhl engagiert sich seit Jahren für das Thema Bildung.

© 2011 «Handelsblatt»

January 2011 | SonntagsZeitung | Download Speech

«Die Angst vor einer globalen Inflation»

WEF 2011: Die weltweite Teuerung war eines der grossen Themen.

© 2011 «SonntagsZeitung»

December 2010 | Bilanz | Download Column

«Das neue Herz von Europa»

Die Gewichte in Weltwirtschaft und Weltpolitik verschieben sich. Die Schweiz ist gut aufgestellt, sollte aber beweglich bleiben.

© 2010 «Bilanz»

June 2010 | Swiss Economic Forum

«Swiss Economic Award 2010»

Externer Video-Link: Swiss Economic Award 2010

© 2010 «Swiss Economic Forum»

June 2010 | Handelszeitung | Download Interview

«Anerkennung für das bereits Erreichte»

Zwar lagen 2009 die Hürden für eine Firmengründung in der Schweiz höher als in den Vorjahren. Die Jungunternehmer-Szene hat die Wirtschaftskrise dennoch gut überstanden. Dies das Fazit von Carolina Müller-Möhl, Präsidentin der Jury des Swiss Economic Award.

© 2010 «Handelszeitung»

March 2010 | Handelszeitung | Download Interview

«Wirtschaft muss ein Schulfach werden»

Nachgefragt: Carolina Müller-Möhl, Unternehmerin und Mitinitiantin von "Learn Money", im Gespräch mit Martin Spieler.

© 2010 «Handelszeitung»

January 2010 | Credit-Suisse | Download Interview

«Leadership, Unternehmergeist, Engagement»

Carolina Müller-Möhl: Leadership, Unternehmergeist, Engagement.
Interview: Françoise Birnholz, Women's Forum Schweiz

WF: Was gefällt Ihnen am besten an Ihrer Arbeit?
Carolina Müller-Möhl: Es bereitet mir Freude, mein eigenes Unternehmen zu leiten. Zudem schätze ich es, dass meine berufliche Verantwortung ein relativ breites Spektrum an Tätigkeiten umfasst, die ich gleichzeitig als anspruchsvoll und als befriedigend empfinde. Erstens leite ich als Präsidentin die Müller-Möhl Group, die als Investment Management Dienstleister für die Familie Müller-Möhl gegründet wurde. Zweitens bin ich Mitglied der Verwaltungsräte von Nestlé und Orascom. Mein drittes berufliches Standbein ist das Engagement für gesellschaftspolitische Fragen mit den Schwerpunkten Bildung und Gender Diversity.

WF: Eine erfolgreiche Frau in einer Männerwelt. Erlebten Sie den Aufstieg bis zu Ihrer heutigen Position als schwierig? Was brauchte es, um dorthin zu kommen?
Carolina Müller-Möhl: Meines Erachtens ist dieser Weg für Frauen tatsächlich steiniger. Viele Studien belegen, dass sie mit Vorurteilen konfrontiert sind und weniger schnell akzeptiert werden als Männer. Das blieb natürlich auch mir nicht erspart. Ein starker Wille, die Fähigkeit, Pläne umzusetzen, und ein Umfeld, das mich unterstützte, haben mir sehr geholfen. Als Kolumnistin und Referentin betone ich häufig, dass Regierungen und Privatunternehmen mehr investieren müssen, damit sich in diesem Bereich etwas ändert. Über 50 % der Weltbevölkerung ist weiblich. Da wäre es doch möglich, dass einige sehr talentierte Frauen dabei sind, die auch dazu beitragen könnten, Lösungen für die vernetzten, komplexen Probleme der heutigen Zeit zu finden.

WF: Welche Ihrer Eigenschaften finden Sie für Ihre Arbeit am hilfreichsten?
Carolina Müller-Möhl: Begeisterungsfähigkeit, lebenslanges Lernen, hohe Ziele, Teamwork und für seine Rechte zu kämpfen. Ich mache meine Arbeit mit Begeisterung. Ausserdem halte ich mich an den Grundsatz «Wer keine Fragen stellt, bleibt dumm». Lebenslanges Lernen hat für mich persönlich einen sehr hohen Stellenwert. Ich habe auch gelernt, dass ein gut funktionierendes Team wesentlich zu einem optimalen Gesamtergebnis beiträgt und in der Regel die besseren Entscheidungen trifft als ein
Einzelkämpfer. Ein gesunder Ehrgeiz und Zielstrebigkeit sorgen dafür, dass sich Einsatz- und Leistungsbereitschaft auszahlen. Schliesslich sollte eine Frau die Stärke haben, ihre Rechte
einzufordern und sich in einer von Männern dominierten Welt Gehör zu verschaffen.

WF: Auf welche Leistung sind Sie am meisten stolz?
Carolina Müller-Möhl: Ich bin stolz, dass es mir gelungen ist, mein Familienleben, meine berufliche Neugierde und mein sozialpolitisches Engagement miteinander zu vereinbaren. Natürlich gibt es auch Dinge, die zu kurz kommen. Ich habe selten das Gefühl, dass mir genügend Zeit für mich selber bleibt. Aber ich schätze es sehr, dass ich das tun kann, was mich begeistert, dass meine Arbeit mich erfüllt und jeder Tag ein interessanter ist.

WF: Was raten Sie jungen Frauen, die eine ähnliche Laufbahn einschlagen möchten?
Carolina Müller-Möhl: Ich bin überzeugt, dass harte Arbeit und Engagement die Voraussetzungen für beruflichen Erfolg sind. Wichtig scheint mir auch, dass Frauen in einem Bereich arbeiten, der sie wirklich interessiert. Dieses Interesse motiviert sie, die Leistung zu bringen, die für den Erfolg entscheidend ist. Man sollte aber nie seine eigenen Grenzen und Schwächen aus den Augen verlieren. Dafür ist eine realistische Selbsteinschätzung wichtig. Zudem müssen sich Frauen bewusst sein, dass eine Karriere auf höchstem Niveau auch Verzicht bedeutet: Frauen in Spitzenpositionen müssen mehr aufgeben als Männer. Die Arbeit lässt nicht viel Raum für Privates.

Interview: Françoise Birnholz, Women’s Forum Schweiz

© 2010 «Credit-Suisse»

December 2009 | Tages-Anzeiger | Download Interview

«Heute habe ich selten schlaflose Nächte»

Bald zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes zieht Carolina Müller-Möhl eine positive Bilanz als Investorin - als berufstätige Mutter aber sieht sie für Frauen noch viele Hürden.
Interview: Judith Wittwer

Frau Müller-Möhl, wir sitzen hier in Ihrem Besprechungszimmer vor einer Fotografie, die eine Hausfrau am gedeckten Tisch zeigt. Warum hängen Sie so ein Bild auf?
Ich habe den amerikanischen Künstler Gregory Crewdson vor fünf Jahren an der Art Basel entdeckt und besitze mittlerweile mehrere Fotografien von ihm. Ein spannender Künstler.

Ich suche nach Parallelen zwischen der Frau auf dem Bild und Ihnen.
Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Beim Erwerb eines Bildes ist für mich der Künstler beziehungsweise sein Kunstwerk zentral und nicht der Bezug zu mir. Crewdsons Werke erzählen surreale Geschichten aus dem amerikanischen Vorstadtleben. Die Bilder erinnern an Szenen aus Filmen von Alfred Hitchcock, David Lynch oder Steven Spielberg. Das finde ich interessant.

Seit dem Jahr 2000 tragen Sie die Verantwortung für ein Millionenvermögen. Was für eine Bilanz ziehen Sie nach zehn Jahren Müller- Möhl Group?
Die ersten Jahre nach dem Tod meines Mannes im Jahre 2000 waren nicht einfach. Nach dem Platzen der Internetblase trafen wir auf ein schwieriges Marktumfeld. Zudem verfügten wir über ein äusserst risikobehaftetes Portfolio. Wir haben aus dieser Krise gelernt und während der letzten zehn Jahre – unter anderem – unser Risikoprofil massiv reduziert. Mein Fazit ist deshalb sehr positiv.

Welches sind aktuell Ihre grössten Investitionen?
Wir halten keine dominierenden Einzelinvestitionen mehr. Wir setzen auf ein breit diversifiziertes Portfolio mit allen Anlageklassen von Aktien, Obligationen oder Immobilien et cetera bis zu Mikroversicherungen. Wir investieren in verschiedenste Industrien und Märkte. Grösstes Gewicht haben bei uns zurzeit und seit Mitte 2007 allerdings Cash und Staatsanleihen.

Die Finanzkrise wird wohl trotzdem Schäden hinterlassen haben.
Einzelne Positionen haben schon gelitten, aber dank unserem konservativen Portfolio haben wir den Sturm insgesamt ohne Schäden wohlbehalten überstanden.

Dann bleibt Ihr Vermögen bei den 600 bis 700 Millionen, wie die Zeitschrift «Bilanz» schätzt?
Ich hoffe auf Ihr Verständnis, dass ich dazu keine Stellung nehmen möchte.

Empfinden Sie es zuweilen als Last, so viel Geld zu managen?
Natürlich spüre ich die Verantwortung. Ich habe auch Respekt vor der Aufgabe. Gerade die kommenden Monate werden sehr anspruchsvoll sein. Die wirtschaftliche Lage ist noch sehr labil.

Raubt Ihnen das den Schlaf?
Heute habe ich selten schlaflose Nächte. Ich bin umgeben von einem sensationellen Team und einem guten Kreis von Beratern, die mir gegenüber sehr loyal sind. Gemeinsam haben wir in den letzten Jahren glücklicherweise mehrheitlich richtige Entscheidungen gefällt.

Würde Ihr verstorbener Mann seine Frau heute wiedererkennen?
Sicher! Ich bin ja nicht zu einem anderen Menschen mutiert wie beispielsweise der Handelsreisende Gregor Samsa in Franz Kafkas Erzählung «Die Verwandlung». Hoffentlich bin ich getreu meinem Credo vom lebenslangen Lernen aber auch gereift. Es wäre ja schade, wenn ich nur älter, aber nicht reifer geworden wäre.

Heute sind Sie eine der mächtigsten Wirtschaftsfrauen der Schweiz. Spüren Sie das?
Ich denke nicht, dass ich auf irgendjemanden oder über irgendetwas Macht ausübe. Meine Position als Investorin erlaubt mir aber, durch mein Netzwerk unternehmerisches Handeln und gesellschaftspolitisches Engagement zu verbinden. So ist mir etwa die Bildungspolitik in unserem Land ein grosses Anliegen. Bildung ist die Ressource der Schweiz. Ihr müssen wir Sorge tragen. Dafür engagiere ich mich.

Seit sechs Jahren sitzen Sie auch bei Nestlé im Verwaltungsrat. Wie oft mussten Sie Präsident Peter Brabeck schon widersprechen?
Wir sind als Verwaltungsratsgremium kein Streitgremium, sondern ein Diskussionsgremium. An dieser Diskussion beteilige ich mich wie meine Kollegen selbstverständlich auch.

Sehen Sie sich als attraktive, junge und erfolgreiche Frau noch immer mit Vorurteilen konfrontiert?
Nach zehn Jahren müsste das den Urteilenden doch langweilig sein. Ansonsten muss gelten: You can’t be everyone’s friend.

Erstmals regieren 2010 drei Frauen die Schweiz: Bundesrätin Doris Leuthard, Nationalrätin Pascale Bruderer und Ständerätin Erika Forster.
Das freut mich, und ich gratuliere allen zu ihrer Wahl. Sie sind ein Vorbild für die junge Generation. Dennoch werden Frauen auch heute noch nicht mit gleichen Ellen gemessen wie ihre männlichen Kollegen. Das zeigen übrigens auch unzählige Studien.

Was ist zu tun?
Im Zentrum steht nicht die Frauenförderung per se. Unsere Gesellschaft braucht bessere Rahmenbedingungen.

Was verstehen Sie darunter?
Erstens braucht es bessere politische Leitplanken. Professorin Monika Bütler hat in einem lesenswerten Aufsatz über unsere Krippensubventionierung gezeigt, dass es sich für Frauen ab dem
zweiten Kind nicht mehr lohnt, zu arbeiten. Zweitverdienende müssten also zum Beispiel steuerlich entlastet werden. Zweitens braucht es ein Umdenken in der Gesellschaft. So lange wir in der Schule nach wie vor Unterrichtsmaterial haben, das das klassische Familienbild widerspiegelt, werden Mädchen nicht gerade ermuntert, später zu arbeiten. Drittens müssen die Firmen endlich Strukturen bieten, die Frau und Mann eine Familie neben dem Beruf ermöglichen. Dazu gehören interne Kinderkrippen, flexible Arbeitszeiten oder Wiedereinstiegsprogramme nach längeren Abwesenheiten. Und schliesslich müssen auch wir Frauen unseren Beitrag leisten.

Warum engagieren Sie sich nicht in der Politik für diesen Wandel?
Mit meinem Entscheid, die Müller-Möhl Group weiterzuführen, ist die Frage nach einem politischen Mandat in den Hintergrund gerückt. Ich bin aber ein politisch denkender Mensch und engagiere mich unter anderem als Kolumnistin, über meine Stiftungsmandate und teilweise direkt in Abstimmungskampagnen für unser Bildungssystem, Genderfragen oder etwa auch für Jungunternehmen.

Wie gehen Sie mit der doppelten Belastung Beruf und Familie um?
Es wäre gelogen, zu sagen, dass man alles locker unter einen Hut bringt. Da gibt es Sonntage, die mit Arbeit draufgehen, oder Abende, die man bis Mitternacht vor dem PC sitzt. Dank einer super Infrastruktur bin ich aber sicherlich flexibler als andere berufstätige Frauen und kann mir immer wieder Zeit freischaufeln, beispielsweise für wunderbare Sohn-Mutter-Ferien.

Wo machen Sie Abstriche?
(lacht) Bei der Maniküre.

Ach ja?
Natürlich würde ich gerne mehr Zeit mit Familie und Freunden verbringen und mehr Sport machen. Oder das tolle kulturelle Angebot in Zürich nutzen. Und mehr Lese-Ruhe hätte ich auch gerne. Auf meinem Nachttisch stapeln sich die Bücher – darunter ein Buch von Zukunftsforscher Matthias Horx. Wie er mir bei seinem Vortrag an der Universität Zürich aber sagte, ist es mehr ein Nachschlagewerk – also eben nicht das, was man um Mitternacht noch aufschlägt.

Sie haben gerne Mode. Lassen Sie sich deshalb hin und wieder für ein Fotoshooting gewinnen?
Hin und wieder. Genau zweimal habe ich in den letzten zehn Jahren bei einem solchen Shooting mitgemacht. Beide Male waren es Erstausgaben für Frauen-Business-Magazine.

Sind solche Auftritte nicht heikel?
Wieso? Die Wirtschaftsführer lassen sich mit ihrer Harley oder beim Klettern ablichten und die Politikerinnen beim Wandern. Ich habe Spass an Mode. So einfach ist das.

© 2009 «Tages-Anzeiger»

September 2009 | Wirtschafts-Magazin | Download Interview

«Die Vorbildrolle ist ganz zentral»

Die Vorbildrolle ist ganz zentral. Die Gesprächsteilnehmer betonen auf der Basis ihrer reichhaltigen Erfahrungen im Rahmen des Swiss Economic Forum die Notwendigkeit der Vorbildfunktion in der Führung. Sie weisen aber ergänzend auf interessante Beobachtungen zu diesem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln hin.

Im Rahmen des Swiss Economic Forum und weiteren Tätigkeiten haben Sie mit zahlreichen Firmen und Persönlichkeiten zu tun. Dabei sehen Sie sicher auch positive Vorbilder in der Führung. Welche Eigenschaften gehören Ihrer Ansicht nach dazu?

Stefan Linder: Aus meiner Sicht ist am Wichtigsten, dass eine derartige Person authentisch ist. Das was sie sagt, muss sie auch so machen. Dann gehört dazu, dass sie ein Profil hat. Ein Vorbild muss durch die Basis wahrgenommen und eingeschätzt werden können. Eine zentrale Eigenschaft dafür ist Verlässlichkeit. Wenn ich an die über 700 Referenten in der Geschichte unseres Forums denke, dann war Glaubwürdigkeit die entscheidende Eigenschaft in der Wahrnehmung. Es braucht sicher auch eine innere Klarheit, das Wissen um die eigenen Stärken und Werte, und klare Ziele. Das führt zu einer positiven Ausstrahlung, wie sie für eine Person, die unsicher und stark mit sich selber beschäftigt ist, nicht möglich ist. Zu einem Vorbild gehört auch, dass es frei von Skandalen ist. Denn es verkörpert ja Werte und lebt sie widerspruchsfrei vor.

Carolina Müller-Möhl: Nicht unwichtig scheint mir auch die Frage, wer der Betrachter ist, der beurteilt ob die Führungsperson ein Vorbild ist oder nicht. Ist es der Mitarbeitende, der Medienkonsument oder der Kunde ? Was weiss der Betrachter über die zu beurteilende Führungspersönlichkeit und woher hat er diese Informationen. Über eine persönliche Begegnung, Zusammenarbeit oder aus den Medien ? Die Urteile können verschieden ausfallen. Grundsätzlich gilt für mich, wenn eine Führungsperson im Sinne eines Vorbildes langfristig überzeugen will, sind Authentizität und Charisma wichtig. Wobei Charisma nicht mit Schaumschlägerei zu verwechseln ist. Weitere für mich wünschenswerte Eigenschaften wären Integrität und eine hohe persönliche Ethik.

Peter Stähli: Aus meiner Erfahrung ist eine hohe Sozialkompetenz und die Fähigkeit zum Teamplayer sehr wichtig, dies gilt unabhängig von der Branche oder dem Lebenszyklus eines Unternehmens. Hier noch ein Gedanke zum Thema Charisma. Es gibt immer wieder Persönlichkeiten, die betreten einen Raum und füllen ihn aus. Andere an sich wichtige Funktionsträger werden gar nicht wahrgenommen. Der Unterschied liegt meiner Ansicht nach bei der persönlichen Ausstrahlung. Diese Personen sind meistens sehr ausgeglichen, fest verankert und strahlen Ruhe und Klarheit aus. Sie haben eine Vision, ein Ziel und können überzeugen. Und dann haben sie eine gewisse Lebenserfahrung. Charisma ist schwierig zu beschreiben, man spürt es vielmehr.

Welchen Stellenwert hat für Sie persönlich die Vorbildrolle in der Führung?

Peter Stähli: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Integrität sind zentrale Elemente der Führung. Und somit ist auch die Vorbildrolle als Summe dieser und weiterer Eigenschaften entscheidend. Gerade in schwierigen Zeiten braucht es das in besonderem Masse.

Stefan Linder: Die ist für mich ganz zentral. Ohne Vorbildrolle kann man eine Firma gar nicht weiterentwickeln. Eine Firma basiert ja auch auf Werten. Als Führungsperson muss ich diese vorleben. Sonst kann man nicht die richtigen Mitarbeiter nachhaltig um sich scharen und wird die angestrebten Ziele nicht erreichen können. Vorbild kann man nicht nur tagsüber im Unternehmen sein. Man ist es generell, oder eben nicht. Authentizität ist der zentrale Faktor.

Carolina Müller - Möhl: Die Frage ist, wo und für was soll die Führungsperson Vorbild sein. In Sachen Arbeitsmoral, als Teamplayer oder eher als Big Boss, als Hüter der Werte etc ? Ist die Führungsperson Inhaber, Leiter eines Ventures oder aber eines börsenkotierten Grosskonzerns? Führungsstile – und welche gefragt sind – unterscheiden sich je nach Unternehmen und Firmenkultur. Da ist leider nicht immer Authentizität und Ehrlichkeit gefragt. Vorbilder sind aber für mich nur diejenigen Führungspersönlichkeiten, welche über die genannten Charaktereigenschaften verfügen.

Erachten Sie für die Wahrnehmung von Vorbildern Symbole oder Symbolhandlungen als hilfreich oder sogar notwendig?

Peter Stähli: Symbolhandlungen sind aus meiner Sicht schon zentral, wenn man sie auf ein Team hin orientiert. Wenn wir jetzt die Überreichung des Swiss Economic Award als Beispiel nehmen, so ist das ein besonderer Moment für die Preisträger. Es ist eine Auszeichnung für herausragende unternehmerische Leistung. Der Preis ist das Symbol, um das Team um sich zu scharen und gemeinsam auf das Erreichte stolz zu sein. Es ist auch Gelegenheit für den Chef, danke zu sagen.

Carolina Müller - Möhl: Symbole sind wichtig, aber nur dann, wenn sie echt sind. Es darf sich auf keinen Fall um institutionalisierte Hüllen handeln. Man muss sie immer wieder mit aktuellen Inhalten füllen.

Stefan Linder: Jedes Unternehmen und jede Führungspersönlichkeit haben Phasen, wo man mit dem Team durch einen Sturm hindurch muss. Da ist es wichtig, bei entscheidenden Etappen die Mannschaft zusammenzunehmen, um ihre Motivation und den Zusammenhalt durch ein auf die jeweilige Situation angepasstes Symbol zu stärken.

Die modernen Kommunikationsinstrumente und medialen Plattformen spielen eine grosse Rolle bei der Darstellung und Wahrnehmung von Führungspersonen. Immer wichtiger wird neben dem Inhalt einer Botschaft deren Überbringer. Welche Chancen und Gefahren sehen Sie daraus für die Spitzen eines Unternehmens, besonders auch in Krisensituationen?

Carolina Müller - Möhl: Im Gegensatz etwa zum Showbusiness ist in der Wirtschaft eine nachhaltige und glaubwürdige Kommunikation zentral. Gerade in Krisenzeiten ist es aber nicht immer möglich, transparent und zeitnah zu kommunizieren. Verträge oder andere rechtliche Einschränkungen sind oft Gründe hierfür. Genau da kommt die Persönlichkeit bzw. deren positive Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zum Tragen. Patentrezepte gibt es keine. Schon manche etablierte Führungsperson ist in Krisenzeiten gescheitert, weil die schwierigen Rahmenbedingungen für einen Einzelnen nicht überwindbar waren.

Peter Stähli: Ich glaube, dass man einen Menschen erst im direkten Kontakt richtig kennen und einschätzen kann. Dazu braucht es eine minimale Zeit und nicht nur eine Momentaufnahme. Das Beurteilen auf Basis von Medienberichten allein halte ich für gefährlich. Es ist daher für Leute an der Spitze wichtig, trotz knapper Zeit und elektronischen Medienmöglichkeiten die direkte und persönliche Kommunikation zu den entscheidenden Bezugsgruppen so oft wie möglich zu suchen. Wenn ein Chef aus bestimmten Gründen im medialen Mittelpunkt stehen muss, ob über kürzere oder längere Zeit, dann ist eine seiner ganz wichtigen Eigenschaften die persönliche Bescheidenheit. Auch in Phasen grossen Erfolges sind Gefahr und Versuchung zur medialen Überhitzung gross. Einmal kommt jeder wieder auf den Boden zurück.

Stefan Linder: Man muss klar sehen, dass Führungspersonen in der Wirtschaft eine ganz bestimmte Rolle spielen müssen, sei es zum Beispiel als CEO oder als Verwaltungsratspräsident. Die Spitzen eines Unternehmens sind in schwierigen Situationen besonders gefordert und aufgerufen, persönlich zu kommunizieren. Man wird aufmerksam beobachtet von den Aktionären, vom Verwaltungsrat und natürlich von den Medien. Allen muss man genügen, insbesondere bei öffentlichen Auftritten und in der Krise. Mit diesem Erwartungsdruck muss man umgehen können. Vorbilder haben es hier leichter, da sie nicht sich selber, sondern die Sache und die eigene Überzeugung in den Mittelpunkt stellen. Das hat wiederum mit Glaubwürdigkeit zu tun. Sie fühlen und merken, wann sie persönlich im Sinne einer Integrationsfigur auftreten müssen und wann sie wieder delegieren können. Für sie besteht keine Gefahr, in einen Kult um ihre Person abzugleiten.

Sehen Sie konkrete Möglichkeiten für Veranstaltungen, wie sie zum Beispiel das SEF durchführt, positive Impulse zum Thema Vorbild und Führung an die Unternehmer zu vermitteln?

Carolina Müller - Möhl: Ja natürlich. Die Vermittlung von positiven Impulsen ist ja die Idee des Forums. Allerdings muss ich anmerken, dass nicht jeder gute Unternehmer auch ein guter Redner ist. Besucher des Forums können vom rhetorischen Auftritt einer kompetenten Führungsperson daher auch einmal enttäuscht werden.

Stefan Linder: Die Chance der Teilnehmer, positive Impulse aufzunehmen, liegt einmal darin, dass sie hier Menschen begegnen können, die sie sonst nicht ohne weiteres treffen würden. Wir bieten eine Plattform, um branchenübergreifend auch persönliche Kontakte einfach und spontan knüpfen zu können. Dann gibt es immer wieder Impulse aus ganz anderen Bereichen als der Wirtschaft, weil wir bewusst auch Referenten ausserhalb des Mainstreams einladen. Das kann zum Beispiel ein bekannter Dirigent sein.

Peter Stähli: In Ergänzung zum Forum haben wir noch weitere Plattformen, wie zum Beispiel unser Netzwerk der Powerpreneure. Durch regelmässige Kontakte und gemeinsame Erlebnisse ist es hier noch besser möglich, Impulse aufzufangen und auszutauschen. Im weiteren hat die Thematik der Nachwuchsförderung in der Wirtschaft bei uns einen grossen Stellenwert. Wir versuchen, junge Leute für das Unternehmertum durch unseren Jungunternehmerpreis zu motivieren. Die Impulse daraus sollen zeigen, dass Unternehmer sein etwas Positives ist. Dann widmen wir uns den jungen Leuten auch im Swiss Talent Forum.

Sehen Sie Unterschiede bei Männern und Frauen betreffend Führen durch Vorbild, und zwar als Führende und in der Wahrnehmung als Geführte?

Carolina Müller - Möhl: Klar gibt es da Unterschiede, auch je nach Betrachter sind sie unterschiedlich. Eine Frau wird anders wahrgenommen als ein Mann, eine alte Person anders als eine junge, ein Asiat anders als ein Europäer etc. Doch – nach dem Vorurteil – sollten die genannten Wertehaltungen eines Vorbildes zum Tragen kommen. Was Unterschiede in der Führung angeht, hat McKinsey kürzlich eine Studie publiziert : Die Ergebnisse sagen, dass Frauen in führenden Positionen realistischer in ihren Erwartungen sind, dass sie ihre Ziele exakter definieren als Männer und mit geeigneteren Mitteln motivieren, wie auch stark dem Teamgeist verpflichtet sind.

Sie haben auch Kontakt zu jungen Talenten. Welche Bedeutung haben Vorbilder für diese jungen Leute und oft potenziellen Führungskräfte? Konnten Sie in den letzten Jahren Verschiebungen in den Wertvorstellungen feststellen?

Stefan Linder: Heute sind die Jugendlichen kritischer, aber auch offener als früher. Sie sind extrem gut informiert. Und sie sind bereit, sofort zu intervenieren, wenn sie das Gefühl haben, dass ein Thema zu einseitig behandelt wird. In diesem Zusammenhang suchen sie sich ihre Vorbilder aus verschiedenen Bereichen zusammen. Es ist nicht mehr das grosse Vorbild, vereinigt in einer Person. Aus meiner Sicht ist es auch viel schwieriger, Vorbilder für die junge Generation aus der Wirtschaft zu finden, als zum Beispiel aus dem Sport. Als Vorbild im Unternehmensbereich muss man einen viel breiteren Fächer an Eigenschaften abdecken, als zum Beispiel im Sport oder im Unterhaltungsbereich. Dort ist die Erwartungshaltung auf einen ganz engen Leistungsbereich fokussiert. Erfüllt eine hochgejubelte Person diesen Anspruch nicht mehr, folgt gleich das nächste Idol.

Peter Stähli: Die jungen Leute sind heute meistens schon sehr bereist, haben viele Länder gesehen und Erfahrungen gemacht. Die junge Generation im Westen hat meist rasch eine erste Wohlstandsstufe erreicht. Aus dieser und somit aus einer gewissen Komfortzone heraus wird heute mehr als früher die Sinnfrage in verschiedene Richtungen gestellt. Ich erlebe viele engagierte und vertiefte Diskussionen zum Thema der nachhaltigen Werte. Die Sensibilisierung der Jungen für endliche Ressourcen und Nachhaltigkeit ist grösser als bei der Generation, die heute noch an der Macht ist. Für mich ist diese Entwicklung sehr positiv. Sie ist zumindest eine Chance, um von der kurzfristigen Maximierung zu einer Denkweise der mittelfristigen Optimierung zu gelangen. Wie gross die Bereitschaft zum persönlichen Verzicht dann wirklich ist, das bleibt eine offene Frage. Dazu muss man noch sagen, dass junge Leute sich natürlich schon auch von Idolen begeistern lassen. Diese verkörpern meistens materielle Werte und Ziele. Oft wird versucht, diese durch Nachahmen ebenfalls auch rasch und leicht zu erlangen. Auf jeden Fall ist die Attraktivität von Idolen und Vorbildern auch im negativen Sinn gross. Nicht nur für die junge Generation, wie die jüngste Vergangenheit zeigt.

Carolina Müller - Möhl: Ich stimme den beiden Herren zu. Anfügen würde ich, dass Medienvertreter leider manchmal allzu schnell zur Demontage einer prominenten Persönlichkeit bereit sind. Ich kann mir gut vorstellen, dass dies auch junge potenzielle Führungskräfte beeinflusst und vielleicht sogar davon abhält, eine solche Karriere einzuschlagen. Welches sind oder waren Ihre persönlichen Vorbilder in der Führung?

Stefan Linder: Ein absolutes Vorbild in Form einer bestimmten Person habe ich nicht. Ich habe aber Vorbilder in verschiedenen Bereichen. Jemand, der durch seine Ehrlichkeit eine grosse Glaubwürdigkeit aufgebaut hat und zusammen mit seiner ausserordentlichen Kommunikationsfähigkeit gleichermassen leicht den Zugang zu Präsidenten und dem Mann auf der Strasse findet, ist Alt - Bundesrat Adolf Ogi.

Peter Stähli: Für mich sind Vorbilder in der Führung Kapitäne und Piloten, die ihre Unternehmen auch in stürmischen Zeiten zielsicher führen. Wer mich als Unternehmer stark beeindruckt, ist Sir Richard Branson. Er hat die ausserordentliche Fähigkeit, eine grosse Zahl von Unternehmen in verschiedensten Branchen und über den ganzen Globus verteilt, zu entwickeln und zu führen. Trotz seinen Erfolgen steht er auch zu eigenen Misserfolgen. Das hat dann mit Ehrlichkeit, mit Persönlichkeit zu tun. Als Firma ein Vorbild für Führung und Firmenkultur ist für mich Hilti.

Carolina Müller - Möhl: Ich habe keine konkreten Vorbilder, fühle mich aber angesprochen von Menschen, welche Eigenschaften eines Machers haben, Einsatz zeigen, mit Leidenschaft und Lust vorgehen, und dies bei weitem nicht nur in der Wirtschaft. Menschen, die sich für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für Unternehmen einsetzen und dies auch mit ihrem sozialen und politischen Engagement zu verknüpfen wissen. Also Menschen, die für uns Alle etwas bewegen ! Sie verdienen unsere Anerkennung.

Das Gespräch führte Dr. Hans R. Knobel

© 2009 «Wirtschafts-Magazin»

August 2009 | Sonntagsblick | Download Column

«Wirtschaft begreifen und das Leben verstehen»

Wirtschaftsthemen gehören auch ins Schulzimmer – möglichst früh und dem Entwicklungsstand der Kinder angepasst. Die Diskussion darüber muss ohne Scheuklappen und falsche Berührungsängste geführt werden. Das ist eine grosse Chance. Für unsere Kinder und für unsere Gesellschaft.

Als lukrative Klientel der Werbung sind unsere Kinder immer begehrter. Sie sollen ihren Eltern möglichst früh erklären können, warum ein Leben ohne Gameboy nicht lebenswert ist und warum beim Turnschuh Form und Anzahl der Streifen eben doch ganz entscheidend sind. Und sie tun dies in der Regel mit Erfolg.

Gleichzeitig trauen wir unserem Nachwuchs aber offenbar nicht zu, elementare ökonomische Vorgänge, beispielsweise im Bereich Konsumverhalten, Umgang mit Geld, Produktion oder Steuersystem, zu verstehen. Ein Unterrichtsfach, das Wirtschaftsthemen altersgerecht verpackt vermittelt, sucht man in der Volksschule vergeblich.

In den Lehrplänen gibt es keine Verpflichtung zur Behandlung volkswirtschaftlicher Zusammenhänge. Das Thema kann allenfalls und meist nur am Rande im Block «Mensch und Umwelt» gestreift werden. Im Klartext: Ob bereits Hänschen oder erst Hans Vorstellungen zu ökonomischen Prinzipien wie Markt, Güter- oder Geldströmen entwickelt, hängt ausschliesslich von der Initiative der Lehrperson ab. Ich bin überzeugt, dass hier von zahlreichen Lehrpersonen gute Arbeit geleistet wird. Die Verbindlichkeit fehlt aber.

Dabei zeigen Studien und Untersuchungen ein interessantes Bild: «Kinder sind nicht zu jung, um ökonomische Themen zu verstehen» – hält die renommierte deutsche Bildungswissenschaftlerin Meike Wulfmeyer fest. Sie bemängelt in diesem Zusammenhang eine «falsch verstandene Kindorientierung» und fordert, dass Ökonomie zum Kernstoff der Grundschule gehören muss. Ihr Buch «Ökonomische Bildung
in der Grundschule – Wie Kinder handlungsorientiert Wirtschaft machen!» zeigt Beispiele aus der Schulpraxis auf.

Wir erwarten von unseren Kindern und künftigen Erwachsenen, dass sie in einer hochkomplexen Gesellschaft und Wirtschaftswelt bestehen und mit deren Chancen – aber auch deren Gefahren und Verführungen – sicher umgehen. Gleichzeitig verzichten wir darauf, Ihnen schon möglichst früh das Rüstzeug dafür mitzugeben. Das ist eine verpasste Chance!

Es gibt vielversprechende Ansätze: So stellt die Schweizerische Nationalbank im Rahmen ihres Projekts «iconomix» Dokumentationsmaterialien für Schulen bereit. Die «Young Enterprise Switzerland»,
eine private Initiative, bietet Wirtschaftsbildungsprogramme für jede Schulstufe an.

Wer sorgt für die dringend notwendige Entrümpelung der Lehrpläne? Für das Forum Bildung (www.forumbildung.ch) ist klar: Wirtschaftsthemen sollten darin einen festen Platz erhalten. Die Aufgabe ist anspruchsvoll und kann kaum allein von den Erziehungsbehörden, aber auch nicht allein von der Wirtschaft gelöst werden. Es braucht neue, stufengerechte Lehrpläne und Lehrmittel. Und es braucht die politische Bereitschaft, dieses Feld gemeinsam anzugehen.

© 2009 «Sonntagsblick»

August 2009 | Sonntagsblick | Download Interview

«Kredite für Bettler sind bei uns zinslos.»

Nobelpreisträger Muhammad Yunus erhält jede Woche Hunderte Interviewanfragen. Kein Wunder: Der Bankier aus Bangladesch hat bereits vor 33 Jahren ein Kreditsystem erfunden, das zuverlässig funktioniert.

Muhammed Yunus erhält jede Woche Hunderte Interviewanfragen. Kein Wunder: Der Bankier aus Bangladesch hat bereits vor 33 Jahren ein Kreditsystem erfunden, das zuverlässig funktioniert.

Von Carolina Müller-Möhl und Werner Vontobel

Nur dreissig Sekunden, nachdem wir die Nummer in Bangladesch gewählt haben, ist Muhammad Yunus persönlich am Apparat. Der Mann ist immerhin Nobelpreisträger, Professor und Chef eines weltumspannenden Unternehmens mit 28 000 Mitarbeitern in 40 Ländern. Doch anders als andere Konzernchefs, kann es sich Yunus nicht leisten, sich mit einer aufwendigen Bürokratie und einem ganzen Schwarm von PR-Mitarbeitern zu umgeben. Seine Unternehmen arbeiten für die Ärmsten dieser Welt, da zählt jeder Cent.

Herr Yunus, US-Präsident Barack Obama wird Ihnen am 12. August die höchste zivile amerikanische Auszeichnung über reichen, die Friedensmedaille. Was bedeutet Ihnen das?
Muhammad Yunus: Sehr viel, und mit mir freut sich ganz Bangladesch. Der Preis ist ein Zeichen der Anerkennung. Es zeigt, dass unsere Arbeit Wirkung entfaltet und ermutigt uns, weiterzumachen.
Ihr Unternehmen ist auch in den USA, beispielsweise in New York, tätig. Wer sind dort Ihre Kunden?
Unsere Kunden sind arme Amerikaner. Wir geben Kredite von durchschnittlich etwa 200 Dollar. In den USA sind es 300 bis 5000 Dollar. Dieses Geschäft können normale Banken nicht rentabel betreiben.[/b]
Wofür werden diese Minisummen denn gebraucht?
Da ist zum Beispiel ein Bäcker, der einen Kühlschrank braucht, um seine verderbliche Ware zu lagern. Oder ein Strassenhändler, der bisher jeden Tag seinen Karren neu mieten musste. Oder eine Coiffeuse, die einen Vorrat an Shampoos und Pflegemitteln braucht, um ihre Kundinnen bedienen zu können. Das sind kleine Anschaffungen mit grosser Wirkung.
Wo holen Sie Ihre Kreditfachleute her? Melden sich entlassene Bankmanager bei Ihnen?
Nein, die kennen dieses Geschäft nicht. Wir haben Spezialisten aus Bangladesch in die USA geschickt. Diese bilden junge Leute aus.
Sie geben Kredite an arme Leute ohne festes Einkommen und ohne Grundbesitz oder andere Sicherheiten. Damit tun Sie eigentlich alles, was hierzulande nicht denkbar wäre. Kann das gut gehen?
Natürlich geht es, das beweisen wir seit 33 Jahren jeden Tag. Wir investieren in die Zukunft und wir helfen unseren Kunden, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das ist das ganze Geheimnis. Das müssen Sie noch etwas genauer erklären. Gern. Das Rezept ist in allen Ländern dasselbe. Erstens bilden wir Gruppen von je fünf Kreditnehmern, die sich gegenseitig verbürgen, also eine Risikogemeinschaf bilden. Zweitens vergeben wir die Kredite mit ganz wenigen Ausnahmen nur an Frauen.
Aber es gibt doch auch arme Männer …
Natürlich, aber es ist besser für sie, wenn ihre Frauen die Kredite erhalten. Frauen sind sehr viel verlässlicher, hartnäckiger und sorgen für die ganze Familie, also auch für die Männer. Das ist eine jahrzehntelange Erfahrung, die wir in allen Ländern gemacht haben.
Und drittens?
Diese Kreditgemeinschaften treffen sich jede Woche mit ihrem Betreuer. Bei dieser Gelegenheit werden die Zinsen eingezogen und vor allem werden auch Erfahrungen ausgetauscht. Das schafft einen Gruppendruck und eine Gruppendynamik.
Die Grameen-Bank wird für ihre hohen Zinsen kritisiert.
Wir zahlen acht Prozent für die Einlagen und unsere Kreditkunden zahlen in Normalfall 20 Prozent, Hypotheken kosten acht Prozent und die Kredite für Bettler sind zinslos. Wenn am Schluss ein Zinsgewinn übrig bleibt, wird dieser in die Projekte reinvestiert. Ich kann Ihnen versichern, bei uns wird sehr scharf gerechnet, wir betreiben viel weniger Aufwand als andere Banken.
Eine soeben veröffentlichte Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) sagt, dass Mikrokredite per saldo nicht helfen, ihre Kreditnehmer aus der Armut zu befreien.
Wissen sie, die sollen ihre Studien machen und wir machen unsere Arbeit. Übrigens, eine Studie der Weltbank, die ja in gewissem Sinne unser Konkurrent ist, kommt genau zum gegenteiligen Schluss …
Die afrikanische Ökonomin Dambisa Moyo schreibt in ihrem neuen Buch «Dead Aid», dass die traditionelle Entwicklungshilfe schädlich ist und speziell in Afrika durch Mikrokredite ersetzt werden sollte. Teilen Sie die Einschätzung?
Absolut: Die Hilfe der reichen Länder nützt deshalb wenig, weil 75 Prozent des Geldes sehr schnell wieder in die Geber-Länder zurückfliessen. Bei den Mikrokrediten hingegen bleibt das Geld im Land. Ich bin überzeugt, dass in Afrika sehr viel wirtschaftliche Entwicklung möglich ist.
Begrüssen Sie, dass westliche Banken jetzt auch die Mikrofinanz entdeckt haben und entsprechende Fonds auflegen?
Nein, nicht unbedingt. Viele Banken haben immer den Profit im Visier. Das ist für die Mikrofinanz die falsche Optik. Im Prinzip brauchen wir kein Geld von aussen, denn wir setzen mit unseren Krediten eine wirtschaftliche Entwicklung in Gang, die ihre eigenen Ersparnisse schafft. Das ist die Grundlage der Mikrofinanz.
[/i]Dennoch arbeiten Sie seit einiger mit gewinnorientierten Firmen zusammen. Sie nennen es Social Business.[/i]
Ja, das sind sehr wichtige Joint Ventures, die unsere Arbeit unterstützen. Mit Veolia etwa geht es darum, sauberes Trinkwasser zu beschaffen. Beim Projekt mit Danone versorgen wir die Bevölkerung mit einem erschwinglichen Joghurt, das all die Spurenelemente enthält, die für die Gesundheit der schlecht ernährten Kinder wichtig sind. Der Gewinn ist dabei Nebensache.
Sie sind engagiert, dynamisch, voll dabei. Sie sind aber auch 69 Jahre alt. Haben Sie schon einen Nachfolger aufgebaut?
Ich habe ein starkes operatives Team von Frauen und Männern um mich herum. Sie werden am besten wissen, wer von ihnen am geeignetsten ist. Ich trage die Botschaften von Mikrofinanz und Social Business in die Welt hinaus. Das neuste Projekt in Kroatien ist in den Startlöchern, es gibt noch viel zu tun.
Dieser Artikel ist mir wichtig, weil ...
... die Welt mehr Menschen braucht wie Professor Muhammad Yunus– engagiert, motivierend, leidenschaftlich.

© 2009 «Sonntagsblick»

June 2009 | Handelszeitung | Download Interview

«Durchhaltewille ist wichtiger geworden»

Trotz der schwierigen Wirtschaftslage ruft die Jurypräsidentin des Swiss Economic Award Jungunternehmer dazu auf, ihre eigene Firma zu gründen. Der Wirtschaftsnachwuchs sei gut aufgestellt, ist die Präsidentin der Müller-Möhl Group überzeugt.

Interview: Pascale Ihle

Lassen sich Jungunternehmerinnen durch die Wirtschaftskrise entmutigen?
Carolina Müller-Möhl: Nein, im Gegenteil. Wir hatten letztes Jahr sogar einen Gründerboom in der Schweiz. Die aktuelle Situation macht es für die Jungunternehmen aber sehr anspruchsvoll. Der Durchhaltewille ist noch wichtiger geworden.
Sind sie zu optimistisch, zu blauäugig?
Müller-Möhl: Generell würde ich das nicht so sagen. Es ist wohl etwas vom schwierigsten abzuschätzen, wann genau der richtige Zeitpunkt für die Lancierung der persönlichen Geschäftsidee gekommen ist. Aus meiner Sicht sind zwei Dinge sehr wichtig: Erstens sollte man das Marktpotenzial, die Patentsituation und die Differenzierung am Markt sehr gut abklären. Zum Zweiten finde ich es gefährlich und sehr anspruchsvoll, aus einer Notsituation heraus eine Firma zu gründen. Hier besteht die grosse Gefahr, dass eine Geschäftsidee künstlich erfunden wird.
Welches sind die Chancen, die sich Jungunternehmen und Start-ups heute bieten?
Müller-Möhl: Wir stehen in einer Phase des Umbruchs. Wo umgebaut wird, entsteht immer viel Raum für Neues und für Kreatives. Ich kann nur dazu aufrufen, auch positiv zu denken, Chancen zu erkennen und Risiken einzugehen. Viele der bekannten weltweiten Brands haben ihren Ursprung in Zeiten, wie wir sie heute erleben.
Gibt es Bereiche, wo das Potenzial für junge Pioniere besonders gross ist?
Müller-Möhl: Sicher haben Pioniere im Bereich von Präzisionsmaschinen, Hightech usw. grosses Potenzial, weil in diesen Bereichen oft auch sehr schnell internationale Märkte locken. In Rahmen meiner branchenübergreifenden Tätigkeiten habe ich gelernt, dass man mit den guten Rahmenbedingungen in der Schweiz in einigen Branchen erfolgreich sein kann.
Sie sind Präsidentin des Swiss Economic Award. Haben Sie in den letzten Jahren einen bestimmten Trend beobachtet?
Müller-Möhl: Positiv zu erwähnen ist aus meiner Sicht die steigende Professionalität der Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer. Auffallend ist auch, wie gut informiert die jungen Persönlichkeiten heute sind, was sicher auch eine Folge der weltweit vernetzten Informationstechnologie und deren intensiven Nutzung ist.
Welches sind gegenwärtig die grössten Risiken für angehende Unternehmer?
Müller-Möhl: Bei den sich negativ und seitwärts entwickelnden Märkten werden Investitionen nur zögerlich getätigt oder aufgeschoben. Jungunternehmen haben noch wenig Substanz bilden können, daher können verzögerte Auftragseingänge rasch zu einer angespannten Lage führen.
Wie schaffen es Start-ups heute doch noch, an Kapital heranzukommen?
Müller-Möhl: Die entscheidenden Faktoren bleiben immer noch dieselben: Innovative Produkte oder innovative Dienstleistungen, eine gute Nischenstrategie mit einer klaren Differenzierung, oder Vorsprung am Markt. Natürlich gehört auch guter Businessplan und eine überzeugende Unternehmerpersönlichkeit zu den wichtigen Punkten, um an Kapital heranzukommen. Für die Finanzierung von überzeugenden Start-ups gibt es in der Schweiz bei Investoren, Unternehmern und Banken nach wie vor genügend Kapital. Zweifellos muss aber wesentlich mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden!
Wie bewerten Sie den sogenannten Wissens- und Technologietransfer von den Hochschulen in die Unternehmen?
Müller-Möhl: Es gibt gute institutionalisierte Förderorganisationen wie die Förderagentur für Innovation KTI des Bundes. Hier werden Hochschulen und KMU in konkreten Projekten zusammengeführt, gecoacht, und ein Teil des Aufwandes der Hochschulen wird sogar abgegolten. Natürlich kann man noch mehr tun. Aus meiner Sicht müssten solche Angebote aber vor allem durch die KMU und die Hochschulen besser und aktiver genutzt werden, bevor wir an einen Ausbau denken. Wie bewerten Sie als Jurypräsidentin die Innovationskraft und die Nachhaltigkeit der Unternehmen, die Sie sich näher angeschaut haben? Müller-Möhl: Die Tätigkeit ist sehr inspirierend und motivierend. Die Jungunternehmer, die wir kennen lernen, sind eine Auslese der besten. Hier spürt man die Innovationskraft und das Herzblut der aufstrebenden Persönlichkeiten in einer besonderen Weise. Das Nachhaltigkeitsthema hat in den letzten Jahren immer mehr Bedeutung erhalten und ist heute fast bei allen Jungunternehmen ein wichtiger strategischer Erfolgsfaktor. Unser Wirtschaftsnachwuchs ist gut aufgestellt.
Glauben Sie, dass die Schweizer KMULandschaft gut gerüstet ist für die Zeit nach der Krise?
Müller-Möhl: Aus meiner Sicht haben viele KMU hervorragend und sehr schnell auf die Krise reagiert. Das beweist auch, dass man sich intensiv mit der aktuellen Situation und der Zukunft auseinandersetzt. Ich bin sicher, dass wir im internationalen Vergleich gut abschneiden, auch wenn man heute nicht abschliessend beurteilen kann, wie, wo und wann es wieder aufwärts geht.
Welches sind in Ihren Augen die Stärken des Wirtschaftsstandortes Schweiz?
Müller-Möhl: Wir haben viele Vorteile, auf die wir stolz sein dürfen, denen wir aber auch Sorge tragen müssen. Es sind dies die politische Stabilität unseres Landes mit den gut ausgebauten Sozialwerken. Erwähnen möchte ich auch den hohen Bildungsstand, der eine wichtige Basis für die Innovationskraft gerade in der Elektround Maschinenindustrie, in der Medizinaltechnik und der Pharmaindustrie darstellt. Aber auch für den Dienstleistungssektor ist es sehr wichtig, dass wir dem Thema Bildung auch in der Zukunft einen hohen Stellenwert beimessen. Investitionen in die Bildung müssen uns ein Anliegen sein.
Und wo orten Sie Schwächen?
Müller-Möhl: Wir haben heute eine hohe Regulierungsdichte in der Schweiz. Kombiniert mit unserem föderalistischen System ergeben sich in vielen Bereichen lange Verfahrenswege. Gemessen an der Dynamik der Wirtschaft mit sich rasch ändernden Märkten und kurzen Produktezyklen ergeben sich für Unternehmen in der Schweiz zum Teil bedeutende Nachteile. Im Vordergrund stehen dabei die oft zu langen Bewilligungsverfahren bei Ausbau- und Infrastrukturprojekten und die Import- und Export-Beschränkungen. Ein weiterer Nachteil für die exportierenden Unternehmen bildet der im internationalen Vergleich kleine Binnenmarkt, der als Basis für die Expansion ins Ausland ein relatives kleines Volumen darstellt.

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April 2009 | Bilanz | Download Column

«Auf dem Prüfstand»

Rücken Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in der Krise näher zusammen, kann das auch eine Chance sein.

Wir stecken mittendrin: Die Wirtschaftskrise hat auch die Schweiz erfasst. Politik und Wirtschaft müssen nach Jahren der Entfremdung wieder zusammen rücken - sie sitzen im selben, in Seenot geratenen Boot. Der Einsatz von Alt-Bundesrat Kaspar Villiger für die UBS, die Stützungsmassnahmen der Nationalbank und die wirtschaftspolitische Diplomatie im Zusammenhang mit dem Bankgeheimnis sind die sichtbarsten Zeichen dafür.
Wir gehorchen der Not der Stunde, tun aber, was seit längerem fällig war. Wir versuchen, wirtschaftliches Gewinnstreben und politische Verantwortung in ein besseres Gleichgewicht zu bringen. Diese Forderung ist zwar Bestandteil vieler Firmenleitbilder. Entsprechend ist schon immer gesponsert, gespendet und gestiftet worden. Doch wurde die Ernsthaftigkeit des Anliegens zuweilen unterschätzt. Börsenhypes und -crashs liessen andere Prioritäten in den Vordergrund rücken.
Mit der Krise steigt das Bedürfnis, in nachhaltige Unternehmen zu investieren. Damit dürfte auch die Corporate Citizenship wieder wichtiger werden. Künftig wird es keine starke Marke und keine solide Unternehmensreputation mehr geben ohne gezielte gesellschaftliche Vernetzung und somit sichtbare Corporate Social Responsibility. Firmen wie Nestlé, Coop und auch einige KMU hierzulande machen es bereits heute vor.
Wollen wir das Unternehmertum stabiler machen, sollten wir nicht alte Fehler wiederholen. Zu vermeiden wäre einerseits das Opportunismussyndrom. Stiftungen, Nachhaltigkeits- und Sozialprogramme werden zu häufig dann ins Leben gerufen, wenn ein bestimmter Anlass dies gerade als angebracht erscheinen lässt. Das kann ein Jubiläum, der Lebenstraum einer Führungskraft oder der öffentliche Druck sein. Zu oft geht jedoch vergessen, dass solche Engagements auf einer vertiefenden Umfeldanalyse aufbauen sollten. Corporate Citizenship sollte echte gesellschaftliche Probleme lösen. «Professionalität wie im Kerngeschäft» müsste die Devise der Firmen lauten.
Das zweite Syndrom, das wir vermeiden sollten, ist das Privatisierungssyndrom. Bei der Corporate Citizenship muss nicht jeder das Rad neu erfinden. Bevor Firmen spenden, stiften beziehungsweise Programme lancieren, sollten sie Aktivitäten anderer Firmen («best in class») oder Stiftungen genau untersuchen. Externe Partnerschaften mit internationalen Organisationen, NGO oder Stiftungen sind attraktiv. Dank Synergien kann der Mitteleinsatz optimiert und somit die Wirkung gesteigert werden. Man stelle sich vor, was die 18'000 Stiftungen in der Schweiz mit einem geschätzten Gesamtvolumen von 40 bis 60 Milliarden Franken zu bewegen imstande wären! Die Lösung heutiger Probleme kann nur in einer kollektiven Anstrengung gelingen.
Schliesslich: Wir sollten Corporate Citizenship weder ausschliesslich an Führungspersonen delegieren noch sie zu einem neuen Privileg werden lassen. Die Förderung von Mitarbeitenden in ihren gemeinnützigen Engagements wird das Zeichen einer neuen Wirtschaftsära sein. Es ist nicht nur zu prüfen, wie und ob man Schlüsselpersonen teilweise freistellen kann. Auch verlässliche Arbeitszeitmodelle und ein freier Zugang zur Firmeninfrastruktur sind geeignete Mittel.
Unternehmen können dabei nur gewinnen: In ihnen herrschen mehr Zufriedenheit, mehr Kompetenz und eine Erweiterung des Horizonts der Mitarbeitenden. Unternehmen im Anschluss an eine Krise zu positionieren, ist eine Aufgabe im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft. Fragen von globaler Entwicklung, Nachhaltigkeit, sozialer Integration und Bildung werden die Top-Issues sein. Klug, wer auf diesen Zug der Geschichte nicht zu spät aufspringt!

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October 2008 | punkt.ch | Download Column

«Nachhaltigkeit und Fairness»

Investment Banking ist derzeit ein Reizwort. Viele sind hart getroffen von der Krise an der Wall Street. Und bitter enttäuscht. Es wird länger dauern, bis neues Vertrauen zurückkehrt – und damit hoffentlich etwas mehr Vernunft im globalen Finanzgeschäft.

Einen Kontrapunkt setzte dieser Tage die Stadt Genf. Dort diskutierten Banker, Wissenschaftler, Entwicklungsexperten und Investoren über Zukunftsperspektiven. Das Welt-Mikrofinanz-Forum zeigte auf, wie Gewinnstreben und Nachhaltigkeit auf einen Nenner gebracht werden können. Das Erfolgsrezept von Nobelpreisträger und Bank-Gründer Muhammad Yunus findet immer mehr Anhänger – darunter auch Unternehmen wie Credit Suisse, Pictet und Syngenta. Kleinkredite werden über selbst verwaltete und dezentrale Strukturen an Kleinstunternehmen gewährt. Viele davon sind von Frauen geführt. Rückzahlungsquoten von sagenhaften 99 Prozent haben manches Vorurteil gegenüber Mikrokrediten widerlegt.

Geschäfte mit Mikrokrediten können nicht mit dem globalen Investment Banking mithalten. Sie bringen nicht maximalen Gewinn – aber optimalen: Sie verbinden Wertschöpfung mit Nachhaltigkeit und Fairness. Sie rufen uns in Erinnerung, dass wirtschaftliche Erfolge nur durch ein Bekenntnis zu persönlicher Verantwortung und Leistungswille zu haben sind.

Die Botschaft aus Genf ist Balsam für unsere krisengeschüttelten Gemüter. Manchmal entsteht Grosses eben aus dem Kleinen.

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October 2008 | Bilanz | Download Column

«Mehr über Risiken reden»

Die Wall Street wankt. Wie wir in einer globalen Risikogesellschaft mehr Verantwortung übernehmen sollten.

Die Gedenkfeiern für 9/11 waren kaum zu Ende, als die Wall Street ins Wanken geriet. Das Finanzzentrum ist nicht durch Terroristen zerstört, sondern von innen her destabilisiert worden: durch Fehlverhalten, unterschätzte Risiken und falsche Anreizsysteme. Traditionsfirmen verschwinden, Tausende Mitarbeiter verlieren ihren Job.
Das erinnert uns schmerzhaft daran, dass wir in einer «Risikogesellschaft» (Ulrich Beck) leben. In einer Welt, die uns technisch unterstützen, finanziell absichern und das Zusammenleben politisch regeln soll, ist ein Leben ohne «hausgemachte» Risiken nicht möglich. Ob Benjamin Franklin das schon geahnt hat, als er im 18. Jahrhundert bemerkte, nichts sei sicher ausser der Tod und die Steuern? Viele neigen heute dazu, sich schockiert und desillusioniert aus Wirtschaft und Politik abzumelden. Paradoxerweise aber vermehren sie durch genau dieses Verhalten die Risiken weiter: Passivität und Absentismus machen Unternehmen wesentlich handlungsunfähiger. Das Gleiche gilt für Politik und Behörden.
Angst vor dem Risiko darf den Mut zur Tat und zur Innovation nicht lähmen. Gerade Gründerfiguren der modernen Welt von Amerika bis Europa haben uns dies vorgeführt. Oder anders gesagt: Der Vermessenheit des Menschen kann nur der Mensch selber begegnen - mit jener klugen Scharfsinnigkeit, mit jener Freundlichkeit sich selber und anderen gegenüber, die für den Philosophen Michael Schmidt-Salomon zu den Kennzeichen einer «zeitgemässen Leitkultur» gehören.
Damit sollen die aktuellen Probleme von Finanz und Wirtschaft nicht kleingeredet werden. Aber es ist offensichtlich, dass es nicht so weit und damit nicht zu dieser wuchtigen staatlichen Intervention hätte kommen müssen. Wäre man nur bereit gewesen, neben kurzfristiger Gewinnmaximierung auch auf langfristige Vorsorge zu setzen. Wäre man - mit den Worten von Schmidt-Salomon - nur bereit gewesen zu akzeptieren, dass 2 plus 2 eben 4 ergibt und nicht 22.
Da sind zum Ersten die Shareholder: Wollen sie nachhaltiges Management ermöglichen, sind sie selber zu einer langfristigen Perspektive verpflichtet. Verführerischen Versprechungen seitens der Unternehmensführungen sollten sie kritisch begegnen und einer verlockenden Selbstbedienungsmentalität eine Absage erteilen.
Da sind zum Zweiten die Führungskräfte und die Mitarbeitenden. Lassen sie es zu, dass in ihrem eigenen Kreis unterschiedliche Ansichten geäussert und unangenehme Fragen gestellt werden? Beides wären Mittel, Warnzeichen früher zu erkennen und falsche Entwicklungen entschlossener zu bremsen. Dass es - entgegen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Ratschlägen aus der Praxis (siehe auch Sonderband «Frauen als Unternehmerinnen» des Schweizerischen Arbeitgeberverbands) - mit der Integration von Frauen in Führungsgremien harzt, ist nur ein Zeichen dafür, wie wenig wir immer noch von Diversität, Multikulturalität und Transparenz halten.
Da ist zum Dritten ein altes Rezept: Bildung. Breite Allgemeinbildung für alle auf der einen und Spitzenhochschulen, die sich den Fragen der Zeit offensiv stellen, auf der anderen Seite. So könnte unsere Wahrnehmung für die Risiken der hoch technisierten Gesellschaft noch besser geschärft werden.
Durch eine «zeitgemässe Leitkultur» wären Terroranschläge und Finanzkrisen wohl nicht zu verhindern. Aber sie könnte uns helfen, in guten Tagen verantwortungsvoller und in schlechten optimistischer zu sein.

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August 2008 | Schweizer Arbeitgeber | Download Speech

«Gender Diversity als Erfolgsfaktor - auch im Verwaltungsrat»

Frauen sind gut fürs Geschäft. Wie wissenschaftliche Studien zeigen, tragen gemischte Führungsteams nicht nur zum Erfolg der Firma bei, sondern fördern auch die Qualität der Unternehmensführung. Frauen zu fördern, hiesse daher auch unseren wirtschaftlichen Wohlstand längerfristig zu sichern.

Dennoch mangelt es uns scheinbar an Bereitschaft, um das weibliche Potential gewinnbringend zu nutzen. Selbst hochqualifizierte Karrierefrauen haben noch immer mit strukturellen, gesellschaftlichen und politischen Hindernissen zu kämpfen. Das muss nicht sein. Warum also dauern diese Missstände fort und wie könnte die Gender Diversity effektiver gefördert werden?

«Vergessen Sie China, Indien und das Internet: Das wirtschaftliche Wachstum wird von Frauen getragen.» Diese Zeilen waren vor nicht allzu langer Zeit in einem Artikel der Zeitschrift «The Economist» zu lesen: Die Erhöhung der weiblichen Erwerbsquote in den Industrieländern habe mehr zum Wachstum des globalen Bruttosozialprodukts beigetragen als neue Technologien oder Wirtschaftskolosse wie China und Indien.(1) Frauen seien somit die am schlechtesten genutzte Ressource auf dieser Welt. Das «Wall Street Journal» meint: «Frauen sind der Schlüssel für die wirtschaftliche Zukunft Europas».(2) Und der «Spiegel» schreibt kurz und sec: «Die Damen sind Gold wert.»(3)
Gut fürs Geschäft

Nun kann man solche Statements entweder als völlig überspitzte und verzerrte Aussagen aufmerksamkeitsheischender Journalisten abtun. Oder man wirft einen Blick auf die neueste wissenschaftliche Literatur und erkennt, dass Frauen in Unternehmen tatsächlich gut sind fürs Geschäft. Die OECD rechnet vor, dass eine Angleichung der weiblichen an die männliche Erwerbsquote das Bruttosozialprodukt der Schweiz in den nächsten 50 Jahren um bis zu 20 Prozent erhöhen dürfte.(4) Noch konkreter sind jene Studien, die einen Zusammenhang zwischen dem Anteil weiblicher Verwaltungsrätinnen und der Performance eines Unternehmens nachweisen. So fand das US-Forschungsinstitut Catalyst heraus, dass jene Unternehmen mit den meisten Frauen in Verwaltungsgremien einen um bis zu 34 Prozent höheren Total Return to Shareholders (TRS) und einen um 35 Prozent höheren Return on Equity (ROE) aufwiesen als die Firmen mit dem schlechtesten Geschlechterverhältnis.(5) Ähnliche Zusammenhänge wurden auch in einer dänischen Studie mit 2500 Unternehmen nachgewiesen.(6) Und eine kürzlich erschienene Untersuchung von McKinsey & Company weist ebenfalls in dieselbe Richtung. Gender Diversity wirke sich nicht zuletzt auch positiv auf die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens aus.(7) Es scheint, als liege ein immenses Potential für nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg quasi auf der Strasse - und doch wird dieses bis heute beharrlich ignoriert. Zwar ist der Anteil von Frauen in wirtschaftlichen Entscheidungspositionen in den letzten Jahren gestiegen: Seit 1991 hat sich der Anteil berufstätiger Frauen in Schweizer Unternehmensleitungen fast verdreifacht, von 3,4 auf 9,7 Prozent im Jahr 2006 (jener der Männer stieg von 10,9 auf 17,3 %).(8) Vergleicht man dann aber den Frauenanteil in den Verwaltungsräten der 12 SMI-Unternehmen mit anderen börsennotierten Firmen in Europa, dann erreichen diese mit einem Frauenanteil von 9 Prozent nicht einmal den EU-Durchschnitt (11 %). (9) Skandinavische Länder wie Norwegen und Schweden, aber auch Bulgarien, Slowenien oder Lettland sind uns da um Längen voraus.

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August 2008 | Schweizer Arbeitgeber | Download Interview

«Weiblichkeit als Erfolgsfaktor im Verwaltungsrat»

Round-Table-Gespräch: Weibliche Führungsqualitäten sind nachweislich eine grosse Bereicherung in Verwaltungsräten und im Management.

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June 2008 | Unternehmerzeitung | Download Interview

«10 Fragen an Carolina Müller-Möhl»

1. Warum sind Sie Unternehmerin mit einer Investmentgesellschaft geworden?
Das war vor acht Jahren. Nach dem Unfalltod meines Mannes musste ich entscheiden, was mit mir und mit dem Unternehmen geschehen sollte. Mich aus unseren Engagements davonzustehlen, kam nicht in Frage. Die Verantwortung für die Familie wie auch für die Unternehmen, in die wir investiert hatten, war zu gross. Also nahm ich die Herausforderung an. Wir haben inzwischen bei massgeblichen Beteiligungen in Verwaltungsräten deutliche Akzente setzen können und zudem eine für uns angemessene Anlagestrategie entwickelt und umgesetzt.

2. Wenn nichts unmöglich wäre, was ist Ihr Traumjob?
Kühne Träume habe ich immer mal wieder, und das wird hoffentlich noch lange so bleiben! Zu meinen alten Träumen gehört es, «political documentaries» zu machen. Grundsätzlich bin ich aber mit meinem Berufsleben sehr zufrieden, denn ich kann in meiner täglichen Arbeit verwirklichen, was mir wichtig ist: Unternehmerisches Handeln mit gesellschaftspolitischem Engagement verbinden.

3. Was mögen Sie nicht an Ihrer Branche?
Speziell die Finanzbranche leidet oft an zu grosser Oberflächlichkeit. Dass hinter den Zahlen immer auch Unternehmen, Menschen, eine ganze Gesellschaft mit ihren ethischen Fragen stehen, kann leicht vergessen gehen. Jede Branche hat solche Kurzsichtigkeiten, nur sind sie hier, wie die jüngste Finanzkrise zeigt, verheerend. Mein Beitrag kann also darin bestehen, Entscheidungen vorzubereiten und mitzutragen, die nachhaltig sind.

4. An welches Ereignis in Ihrer Karriere erinnern Sie sich am liebsten?
Aus jüngerer Vergangenheit ist mir ein unternehmerischer Entscheid in sehr positiver Erinnerung. Es ging darum, eine Beteiligung mit Perspektiven, die wir über zehn Jahre aktiv begleitet und entwickelt hatten, nach dem «best owner»-Prinzip in die Partnerschaft mit einem Branchenführer einzubringen. Dadurch konnte die Basis geschaffen werden, um das Potential für weiteres profitables Wachstum und substantielle Synergien zukunftssichernd zu nutzen. Gerne erinnere ich mich auch an Momente, in denen sichtbar wird, dass sich mein gesellschaftspolitisches Engagement gelohnt hat und ich den Erfolg und die Begeisterung darüber mit anderen teilen kann – wie beispielsweise, als wir die Abstimmung zur Zürcher Volksschulreform mit 70 Prozent Ja-Stimmen gewonnen hatten.

5. Was war Ihr grösster Fehlentscheid?
Fehlentscheide sind ja deshalb so ärgerlich, weil sie meist im Kleinen beginnen und man sie zu spät bemerkt. Aber wer Entscheidungen fällt, trifft eben auch einmal die Falsche. Aus jedem Fehler etwas zu lernen, ist das entscheidend Wichtige im Berufsleben.

6. Welche Persönlichkeit hätten Sie schon immer einmal gerne getroffen?
Den Philosophen Peter Bieri, der mich inspiriert, Alice Schwarzer, deren Kampf für Gleichstellung immer noch nicht zu Ende ist, Warren Buffet, von dem man als Investor lernen kann, Rania von Jordanien, die Prominenz mit Glaubwürdigkeit zu verbinden weiss, Muhammad Yunus, der aufzeigen kann, dass kommerzielle und entwicklungspolitische Ziele keine Widersprüche sein müssen, und Herbie Hancock, dessen Jazzmusik zeigt, dass man zugleich virtuos und fröhlich sein kann.

7. Worüber können Sie sich ärgern?
Über Arroganz und Intoleranz, über Schmalspurigkeit und dummes Geschwätz. Und über meine manchmal etwas sehr direkte Ehrlichkeit anderen Menschen gegenüber.

8. Wie erholen Sie sich am besten vom Stress?
Besser ist natürlich Stressprävention! Und die beginnt damit, dass ich häufiger Nein sage, wenn ich die nächsten Monate verplanen muss.

9. Was zeichnet die Schweizer Wirtschaft aus?
Dass wir ein innovatives Land mit einer hohen Quote von etablierten Unternehmerinnen und Unternehmern sind. Ich bin stolz auf gesellschaftliche, politische und kulturelle Rahmenbedingungen, die das ermöglichen. Aber es ist auch kennzeichnend für uns, dass wir manchmal die Aufgabe verpassen, diese Bedingungen laufend anzupassen und zu verbessern. Hinsichtlich der gleichen Chancen für Mann und Frau im Beruf müssen wir deutlich besser werden.

10. Was wünschen Sie sich für die Schweiz?
Bildung, Bildung und nochmals Bildung. Sie ist die Ressource, aus der unsere Selbstbestimmung und unser Wohlstand entstehen. Sie verbindet Leistung mit Verantwortung, Freude an sich selber mit dem Engagement für andere. Nur eine gebildete Schweiz wird es schaffen, sich selbstbewusst in die Europäische Integration und die Globalisierung einzubringen.

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May 2008 | Bilanz | Download Column

«Höchstleistung hat ein Gesicht»

Dieser Sommer ist die Saison der Höchstleistungen. Ob in Sport, Wirtschaft oder Politik: Es zählen persönliche Ressourcen und die Förderung im Umfeld.

Sportliche Höchstleistungen sind das Thema dieses Sommers. Ob an der Euro 08 oder bei den Olympischen Spielen: Erneut werden wir fasziniert sein vom Schweiss auf den Gesichtern und von der Tatsache, dass der Wille stärker sein kann als Schmerz und Erschöpfung.

Die «Saison» der Höchstleistungen wird dieser Tage in Thun eröffnet, am Swiss Economic Forum zu diesem Thema. Gäste wie der fünfmalige Olympiagewinner im Schwimmen John Naber oder Rudy Giuliani bauen dabei Brücken zwischen Wirtschaft, Sport und Politik. Der Swiss Economic Award 2008 geht an herausragende Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer, die der Zukunft ihren Stempel aufdrücken werden.

Der Anlass bestätigt erneut: Höchstleistung hat immer ein Gesicht. Sie hat eine Geschichte. Sie ist das Ziel und das Werk einer Person, die den Willen dafür aufgebracht hat. Die das richtige Umfeld gesucht, gefunden oder sich selber geschaffen hat.

Erfolgsrezepte für Unternehmer können uns deshalb nur mässig interessieren. Eine beliebige Formel X des Bestsellerautors Y hört sich meistens einfach an. Meist verliert sie ihren Zauber, wenn sie im Alltag umgesetzt werden soll. Lehrreicher sind aus meiner Sicht direkte Begegnungen mit Topleuten. Drei Faktoren fallen mir immer wieder besonders auf:

Erstens die persönliche Einstellung und die Motivation. Beides kann nur individuell erarbeitet werden. Leidenschaft, Ehrgeiz und Enthusiasmus beschreiben mentale Ressourcen aus dem Innersten einer Person. Deshalb kann es ohne Freiheit keine Höchstleistung geben. «Asiatische» Methoden des Drills sollten wir nicht schlecht machen aus Überheblichkeit und Neid. Trotzdem: Sie sind nur ein Mittel zum Zweck. Sie sagen nichts darüber aus, ob die mit ihnen verfolgten Ziele auch erstrebenswert sind.

Ob jemand mit emotionaler Intelligenz Konflikte lösen kann; ob er mit Organisations- und Führungstalent finanzielle Gewinne erwirtschaften oder mit der puren Kraft seiner Arme und Beine Olympiamedaillen erwirbt: Die Frage, wofür es sich lohnt, sein Leben einzusetzen, kann nur individuell entschieden werden.

Zweitens spielen körperliche Fitness und andere Formen physischen Wohlbefindens eine entscheidende Rolle. Stressbewältigung ist immer auch eine Frage von Bewegung und Entspannung. Was dem einen die Marathonteilnahme, ist dem anderen der Fischgang auf einem frühmorgendlichen See und dem Dritten das Rosenbeet in seinem Garten.

Drittens ist Höchstleistung nicht ohne ein geeignetes Umfeld zu haben. Dass Förderung durch Forderung geschieht, wissen wir inzwischen gut. Dass Förderung aber unabdingbar ist, wenn Höchstleistungen erwartet werden, ist das kleine Einmaleins, das heute vor allem in Sport und Schule breit angewendet wird. Weshalb hat die Wirtschaft gerade diese Lektion bisher nicht in allen Bereichen gelernt? Immerhin: Die Lehrlingsförderung im dualen Berufsbildungssystem bildet eine Grundlage der Volkswirtschaft und hat ungeheure Integrationsleistungen erbracht. Jetzt müsste es gelingen, das kleine Einmaleins des Forderns und des Förderns auch zur Integration leistungswilliger Frauen, zur Umsetzung von Innovationen und zur Ausbildung interdisziplinärer Exzellenz einzusetzen.

Das alles geht nicht ohne ein entsprechendes politisches Klima. Wenn Gesetze Neues verhindern statt ermöglichen, wenn nur Leistungsschwächere und nicht auch Leistungswillige gefördert werden, wird das Spektakuläre nicht mehr in unserem Land passieren, sondern anderswo - vielleicht eben in China.

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March 2008 | Bilanz | Download Column

«Unternehmertum in Bewegung»

Der Winter hat Bewegung ins Unternehmertum gebracht. Nur über die verstärkte Wahrnehmung ihrer sozialen Verantwortung kann die Wirtschaft erfolgreich bleiben.

Es war ein toller Winter. Die Tourismusbetriebe boomten. Der Sport sorgte für Spannung und Begeisterung. Und unsere Vorstellungen von Unternehmertum sind in Bewegung geraten.
Die neuen Töne kamen zunächst aus dem Schnee, vom Weltwirtschaftstreffen WEF in Davos, das dieses Jahr im Zeichen der «Kraft der kooperativen Innovation» stand: Bill Gates warb für einen kreativen Kapitalismus, viele CEO und Verwaltungsräte globaler Konzerne bekannten sich explizit zur sozialen Verantwortung der Wirtschaft, und die Klaus Schwab Stiftung präsentierte die Social Entrepreneurs des Jahres. Speziell Schwabs Stiftung unterstützt schon seit langem Unternehmer aus aller Welt, die sich sozial engagieren.
Was kooperative Innovation weiter bedeuten kann, brachte die Gruppe Young Global Leaders ebenfalls in Davos auf den Punkt. Dabei handelt es sich um eine Vereinigung Hunderter junger Unternehmensführer, Politiker und Intellektueller aus aller Welt - vom Bürgermeister aus Yokohama über den CEO aus Indien bis zum Forscher aus Spanien- mit dem Ziel, die entscheidenden Akteure von morgen schon heute miteinander zu vernetzen und gemeinsam Strategien für die grossen Herausforderungen der Zukunft zu entwickeln. Jedes Jahr nominiert ein Komitee, präsidiert von Königin Rania von Jordanien, weitere 200 bis 300 Persönlichkeiten unter 40. So entsteht quasi ein global vernetzter Think Tank des sozialen Unternehmertums, der sich in zahlreichen Task Forces mit Themen wie Umweltschutz, Diversity oder Armut befasst. Denn eines ist klar: Obwohl nicht die heutige Generation die globalen Probleme hauptsächlich verursacht hat, liegt es an ihr, sie zu lösen.
Wie kann und soll man nun im Jahr 2008 Unternehmen gründen und führen, wenn die Erde wärmer, das Wasser knapper und die Armen ärmer geworden sind? Wie kann man gründen und führen, wenn die Wirtschaft noch asiatischer und noch vernetzter wird, wenn das Leben der Menschen noch länger dauert, wenn Mitarbeitende noch viel besser gebildet, unabhängiger und multikultureller geworden sind?
Es gibt auf diese Fragen zwei Antworten, eine alte und eine neue. Erstens: Unternehmertum bleibt im Kern das, was es schon immer war. Eine Aufgabe für initiative, leistungswillige, marktorientierte und ausdauernde Personen. Sie müssen optimistisch und kreativ sein, Chancen nutzen, Marktfähigkeit herstellen und erhalten.
Die zweite Antwort lautet: Heute Unternehmer zu sein, heisst, gesellschaftliche Verantwortung zu tragen. Und das sehr direkt. Und sehr aktiv. Der Grund ist einfach: Die Probleme auf der Agenda spielen sich nicht nur weit weg, in der sogenannten «Dritten Welt» oder irgendwo «draussen in der Natur» ab. Sie werden die Produktionsbedingungen fast aller Unternehmen in den nächsten Jahrzehnten direkt verändern. Es ist moralisch nicht verwerflich, sein kreatives Potenzial gleichzeitig in den Dienst des Kapitals und der Gesellschaft zu stellen. Im Gegenteil. Denn wenn sich unsere Unternehmen und Unternehmer nicht diesen Herausforderungen stellen, dann werden es andere tun - und damit nachhaltige Gewinne erzielen. Wir brauchen also mehr denn je kooperative Innovation in der Wirtschaft!
Das haben viele Unternehmer erkannt und reagieren entsprechend. Sei es mit einer konsequenten Förderung und fairen Behandlung der Mitarbeiter, einer aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Dialog oder nachhaltigen Produktionsbedingungen. Heute gilt: Die Wahrnehmung der sozialen Verantwortung in Unternehmen ist nicht mehr «nice to have», sondern prägt zunehmend das Bild einer Unternehmung beim Kunden und in der Gesellschaft. Sie ist aber nicht mit Wohltätigkeit zu verwechseln. Vielmehr ist diese Verantwortung zu einer ganz konkreten strategischen Aufgabe geworden, die unsere volle Aufmerksamkeit verlangt und immer mehr zur Bedingung des wirtschaftlichen Erfolgs wird.
Nicht zuletzt mit den Verwerfungen an den Kreditmärkten und den Schwierigkeiten mancher grosser Unternehmen stellt sich heute die Frage nach dem Unternehmertum neu. Und es bietet sich die Chance einer zukunftsorientierten Neudefinition. Wenn das kürzlich zum 35. Mal gestartete Hundeschlittenrennen Iditarod dafür Pate stehen könnte, so wäre das kein schlechtes Zeichen: Es führt über gefährliche Trails in Alaska, wo nur umsichtiges Handeln, Ausdauer und Teamwork zum Ziel führen. Und seine historische Wurzel bestand darin, auf unkonventionellem, aber leistungsfähigem Weg Bedürftigen Hilfe zu bringen.

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February 2008 | Handelszeitung | Download Interview

«Haben unseren Risikoappetit reduziert»

Erstmals sprechen die Präsidentin der Müller-Möhl Group sowie deren CEO, Beat Näf, über ihre künftige Strategie und die Repositionierung der Familienholding. Nach der deutlichen Reduktion der DKSH-Beteiligung hält die Gruppe keine grossen Einzelinvestments mehr.

Interview: Martin Spieler

Die Müller-Möhl Group hat ihre Beteiligung an der DKSH auf knapp 5% reduziert: Warum?
Carolina Müller-Möhl: Dieser Schritt entspricht unserer Strategie, eine breite Diversifikation zwischen den verschiedenen Assetklassen wie Aktien, Private Equity, Immobilien, Obligationen etc. als auch innerhalb der Assetklassen zu erreichen. In Bezug auf die Diversifikation innerhalb der Assetklassen gibt uns der Teilverkauf von DKSH einerseits mehr Handlungsfreiheit im Bereich der Direktinvestitionen. Andererseits ermöglicht er uns, breiter in Emerging Markets wie China, Indien, Südamerika und Osteuropa zu investieren.
Wie gross ist der Erlös aus dem Verkauf der DKSH-Beteiligung?
Beat Näf: Über den Preis wurde unter den Parteien Stillschweigen vereinbart.

Die DKSH profitiert stark vom Asien-Boom: Sind Sie nicht zum falschen Zeitpunkt ausgestiegen?
Näf: Wir glauben an den Asien-Boom und sind überzeugt, dass sich die positive Entwicklung von DKSH fortsetzen wird, sonst wären wir nicht in einem so hohen Umfang weiterhin an der Gesellschaft beteiligt. Allerdings fokussiert sich die DKSH vor allem auf Südostasien. Wir möchten unsere Investments auch in Asien breiter diversifizieren.

Wo genau werden Sie investieren?
Müller-Möhl: Zum Beispiel in Indien. Da prüfen wir verschiedene Investitionen.

Können Sie das konkreter nennen?
Müller-Möhl: Nein, unsere Due Diligence läuft noch.
Näf: Wir haben schon in der Vergangenheit einige mögliche Investitionen angeschaut. Aufgrund des grossen DKSH-Engagements konnten wir diese damals aber nicht berücksichtigen.

Auf welche Branchen werden Sie in Asien setzen?
Näf: Wir setzen weniger auf exportorientierte und mehr auf binnenorientierte Branchen. Beispiele sind die Elektrizität und generell die Infrastrukturbranche.

Aber Sie fassen auch Direktinvestitionen in einzelne Firmen ins Auge?
Müller-Möhl: Ja. Wir sind auch offen für Direktinvestitionen in den Emerging Markets. Unser Hauptfokus betreffend Direktinvestitionen ist allerdings die Schweiz sowie das schweiznahe Ausland. Zudem schauen wir uns auch neue Anlagethemen an, zum Beispiel den Bereich Mikrofinanz. Sind Sie da bereits engagiert?
Näf: Ja, wir sind im Bereich Mikroversicherung über eine Start-up-Firma in Lateinamerika engagiert. Und wir prüfen gerade eine Investition in einen Mikrokredit- Fonds. Die Renditen aus dem Mikrofinanzsektor sind ziemlich unabhängig vom Rest des Portfolios und erhöhen somit dessen Diversifikation. Müller-Möhl: Da wollen wir auch unternehmerische Akzente setzen. Ebenso wie bei den Direktinvestitionen verfolgen wir hier eine langfristige Optik.

Wo ist die Müller-Möhl-Gruppe derzeit investiert?
Näf: Wir verfügen heute über ein sehr breit diversifiziertes Portfolio. Angesichts der unsicheren Lage der Weltwirtschaft haben wir im letzten Jahr entschieden, einen Anteil des Cash-Bestandes nicht zu reinvestieren. Das werden wir in naher Zukunft wahrscheinlich weiter so handhaben.

Sie sind somit pessimistisch für die Entwicklung der Finanzmärkte?
Näf: Die Märkte sind momentan extrem volatil und stark technisch getrieben. Wir wollen nicht zum falschen Zeitpunkt einsteigen.

Welches sind die grössten Investments der Gruppe? Können Sie Firmen nennen?
Müller-Möhl: Anders als früher halten wir keine grossen Einzelinvestments mehr, abgesehen von unserer DKSH-Beteiligung.

Grosse Aktienpakete wie früher jenes bei der Ascom halten Sie somit keine mehr?
Müller-Möhl: Nein. Wir haben unsere Anlagestrategie nach einer Restrukturierungs- und Repositionierungsphase verfeinert und über die letzten Jahre konsequent und erfolgreich umgesetzt. Sowohl nach Anlageklassen als auch nach Branchen und Regionen sind wir sehr breit abgestützt. So sind wir viel besser gewappnet gegenüber jeder Art von Krise.

Welche Bilanz ziehen Sie für die Müller- Möhl Group seit der Gründung vor acht Jahren?
Müller-Möhl: Nach dem Tod meines Mannes waren wir zusätzlich zum garstigen Marktumfeld nach der geplatzten Internetblase damit konfrontiert, dass unser Portfolio auf einige wenige Titel konzentriert war und einen hohen Fremdkapitaleinsatz aufwies. Das war eine schwierige Ausgangslage. Wir sind damals durch eine Talsohle gewandert. Aufgrund der schwierigen Erfahrungen, die wir damals machten, haben wir unseren Risikoappetit deutlich reduziert, so nutzen wir zum Beispiel kein Fremdkapital mehr. Auch Trading ist für uns kein Thema mehr. Wir haben die Liquidität der Investments stark erhöht und die Konzentration aufgelöst. Unsere beiden sichtbaren Private-Equity-Positionen, DKSH und Plus Orthopedics, hatten wir bis zum Verkauf über zehn Jahre hinweg über den Sitz im Verwaltungsrat mitgeprägt.

Wie hoch sind die finanziellen Mittel der Müller- Möhl-Gruppe?
Näf: Als familiengehaltene Holding nennen wir keine Zahlen.

Die «Bilanz» schätzt das Vermögen der Müller- Möhl- Gruppe auf 600 bis 700 Mio Fr. Ist dies richtig?
Näf: Wenn das völlig unrealistische Zahlen wären, dann wären wir korrigierend eingeschritten.

Welchen Einfluss haben die Unsicherheiten rund um die US-Kreditkrise sowie die Börsenturbulenzen auf Ihre Gruppe?
Näf: Die haben uns nur marginal getroffen. Und zwar einerseits aufgrund der hohen Diversifikation und des hohen Cash- Bestandes.
Müller-Möhl: Wir beobachten die Märkte sehr genau. Wir glauben aber noch nicht, dass der Zeitpunkt für den breiten Wiedereinstieg gekommen ist.

Weil Sie erwarten, dass sich die Märkte noch länger nicht beruhigen?
Näf: Die Turbulenzen werden sich nicht so rasch legen. Bei der Kreditkrise kommt noch einiges auf uns zu.

Ihre Gruppe hält sicher auch Nestlé-Aktien, nachdem Sie ja Verwaltungsrätin von Nestlé sind:
Müller-Möhl: Selbstverständlich, aber unsere Beteiligung hat die meldepflichtige Schwelle nicht überschritten.

Welches spezifische Know-how bringen Sie in den Nestlé-VR ein?
Müller-Möhl: Als unabhängige und unabhängig denkende und verantwortungsvoll handelnde junge Unternehmerin und global tätige Investorin repräsentiere ich einen auch für diese Firma wichtigen Bereich unserer Gesellschaft. Als Frau, welche die Müller-Möhl-Gruppe weiterentwickelt hat und heute führt, als gesellschaftspolitisch engagierte Bürgerin und studierte Politologin wie auch als aufmerksame Konsumentin bringe ich mich in die Diskussionen ein.

Könnten Sie sich vorstellen, weitere VR-Mandate ausserhalb der Müller-Möhl- Gruppe und zusätzlich zu Nestlé und Kühne Holding zu übernehmen?
Müller-Möhl: Wenn neue Anfragen kommen, werde ich diese prüfen. Aber ich möchte auch Zeit haben, mich gesellschaftspolitisch zu engagieren.

Neben Ihrem Präsidium der Müller-Möhl- Gruppe sind Sie Jurypräsidentin des Swiss Economic Awards: Wie können wir das Unternehmertum in der Schweiz stärken?
Müller-Möhl: In erster Linie geht es darum, dass wir Innovation und Leistung öffentlich zeigen und dass wir diejenigen belohnen, die sich für Unternehmen einsetzen. Der Swiss Economic Award leistet da einen Beitrag, selbst wenn es letztendlich nur ein Tropfen auf dem heissen Stein ist. Wir haben auch dieses Jahr wieder viele gute Bewerbungen für den Award bekommen. Und, das freut mich speziell, wir konnten den Anteil der Bewerbungen von Frauen durch gezielte Bemühungen verdoppeln.

Wie können vermehrt Frauen zum Unternehmertum ermutigt werden?
Müller-Möhl: Betreffend Frauen gibt es unendlich viele Ansatzpunkte. Sie werden leider nur noch zu wenig konsequent verfolgt. Wichtig ist ganz sicher eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und da sind Politik und Unternehmen gleichermassen gefordert. Wichtig sind steuerliche Massnahmen, aber auch mehr Kinderbetreuungsplätze, mehr Ganztagesschulen und nicht zuletzt eine Bereitschaft der Unternehmensleitung, Frauen wirklich zu befördern.

Und das machen die Unternehmen zu wenig?
Müller-Möhl: Es gibt zwar viele positive Impulse, aber in den Unternehmen wird noch eindeutig zu wenig zur Förderung beziehungsweise zur Gleichstellung der Frauen unternommen.

Befürworten Sie gesetzliche Frauenquoten in Verwaltungsräten?
Müller-Möhl: Die Frage der Quote ist eine Gratwanderung. Doch wo keine Vorbilder sind, gibt es keine Nachahmerinnen. Meines Erachtens darf man die Argumente für Quoten nicht einfach wegwischen. Andererseits will keine Frau eine Quoten- Frau sein. Es gibt genügend kompetente Frauen. Es wäre eigentlich schade, wenn man das gesetzlich regeln müsste.

© 2008 «Handelszeitung»

April 2007 | Bilanz | Download Column

«Lob der Karrierefrau!»

Wollen wir global mithalten, müssen wir Frauenkarrieren fördern. Das ist ein Rezept für Wachstum, das endlich auch die Schweiz entdecken sollte.

Frauen und ihre Karriere: Sonntagspresse und Politiker haben kürzlich neue Stichworte zu einem alten Thema geliefert. So bekannte Ueli Maurer, der Vollzeit-SVP-Politiker und Familienvater, er habe lieber Mütter zu Hause als Frauen, «die in Bern das grosse Wort führen». Dagegen verkündete eine Bank, das Topmanagement innert Kürze zu einem Drittel mit Frauen besetzen zu wollen. Dabei schreckt sie sogar vor Quoten nicht zurück.
Das Thema scheidet die Geister. Warum wohl nur? Haben die Schweizer den Kopf verloren? Schwarzweissmalerei trübt immer den Blick auf die Fakten. Doch diese sprechen für einmal eine deutliche Sprache. Das europäische Ausland hat sie besser verstanden als wir.
Fakt eins: Begabung kennt kein Geschlecht. Jahrzehntelang hat man nun über den kleinen Unterschied zwischen den Menschen geforscht. Wenn inzwischen eines sicher ist, dann dies: Für intellektuelle Aufgaben wählen Frauen häufig einen anderen Lösungsweg, aber sie kommen zum gleichen Ziel wie die Männer. Gene und Hormone bereichern also die Menschheit durch mehr Vielfalt. Aber sie sind kein Grund, Rangunterschiede einzuführen. Genau das aber findet in der Erziehung ständig statt. So baut in Schweizer Schulbüchern heute noch meistens Peter das Haus, und es ist Andrea, die es nachher zu putzen hat.
Fakt zwei: Berufstätige Mütter stehen immer noch unter Rechtfertigungsdruck. Die Bezeichnung «Karrierefrau» ist meist der soziale Gnadenstoss für die Betroffene. Während von Männern der berufliche Erfolg erwartet wird, gelten Frauen vor allem dann als heiratsfähig, wenn sie ihr berufliches Potenzial nicht voll ausschöpfen. Als Rabenmutter gilt, wer das Kind ganztägig durch Dritte betreuen lässt. Vorurteile verdecken, was heute jeder wissen kann: Eine qualifizierte externe Betreuung ist ausgezeichnet für die Entwicklung der Kinder. Und in der Schweiz mangelt es nicht an der Qualität, sondern an der Quantität der Krippen. Diese sind kein Luxusgut – nur schon deswegen nicht, weil viele Familien auf Zweiteinkommen angewiesen sind. Ausserdem ist der Anteil Alleinerziehender gross: 80 Prozent von ihnen sind übrigens Frauen.
Fakt drei: Die Frauen sind im Vormarsch in Sachen guter Bildung. Gleichzeitig ruft die Wirtschaft immer lauter nach hoch qualifizierten Mitarbeitern, weil sie trotz Alterung der Gesellschaft weiterwachsen will. Welches Fazit ist zu ziehen? Kein Wachstum ohne Förderung von Frauenkarrieren! Die OECD beziffert das durch konsequente Politik zu erzielende zusätzliche Wachstum beim Bruttosozialprodukt auf 20 Prozent über 50 Jahre. Doch die Schweiz ist noch weit davon entfernt, diese Chance zu packen. Das Prinzip der «gläsernen Decke» will es, dass Frauen auf dem Weg nach oben irgendwann an unsichtbare Grenzen stossen. Nur ein Drittel aller Führungspersonen der Schweizer Wirtschaft sind weiblich. Erfolgreiche Mütter wie Magdalena Martullo-Blocher (CEO Ems-Chemie) oder Eva Jaisli (CEO PB Swiss Tools) sind in dieser Gruppe gar eine grosse Seltenheit.
Die «gläserne Decke» ist nicht etwa eine Folge männlicher Intrigen. Es ist ein strukturelles Problem: Viele Unternehmen sind heute noch auf den Arbeitsmarkt von gestern ausgerichtet. Eine geschlechtsunabhängige Entlöhnung, Teilzeitarbeit und Möglichkeiten zum Wiedereinstieg nach Familienphasen sind noch immer keine Selbstverständlichkeit. Dabei geht es nicht um typische «Frauenanliegen». Das Wachstumspotenzial lässt sich nur realisieren, wenn sich auch Väter für die Kinderbetreuung begeistern. Sie könnten dafür auch mal den Sportclub und den Netzwerk-Apéro aus ihrem Kalender streichen …

Krippen, Tagesschulen, gemischte Führungsteams, Teilzeitarbeit: Das gehört zur Infrastruktur für eine wachstumsfähige Schweiz – und ist ebenso wichtig wie die Kraftwerke und Autobahnen, die uns die Eltern hinterlassen haben. Dabei gilt für diese Infrastruktur das Gleiche wie für Strassen und Energie: Immer braucht es die Menschen, die sie benützen. Keine Frauenkarrieren ohne Karrierefrauen! Es braucht tatsächlich Wille, Ausdauer, Organisationstalent und Streben nach Unabhängigkeit, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Frauen haben dasselbe Recht wie Männer, sich davon eine gute Portion abzuschneiden. So steht es übrigens schon in unserer Bundesverfassung.

© 2007 «Bilanz»

April 2007 | Bilanz | Download Column

«Eine Lobby für die Bildung!»

Die Schweiz entwickelt ihr Bildungssystem kaum weiter. Das ist fatal für unsere Wirtschaft – und für jeden einzelnen Menschen in unserem Land.

Seit dem Pisa-Schock ist es gefährlich ruhig um das Thema Bildung. Standesinteressen oder Desinteresse versperren den Blick auf das Wesentliche. Bildung braucht eine unabhängige
Lobby!
Der Boulevard ist nicht dafür bekannt, sich häufig mit Bildung auseinanderzusetzen. Doch kürzlich war es so weit: Die deutsche «Bild»-Zeitung ernannte Bernhard Bueb zum strengsten Lehrer Deutschlands. Das Buch des ehemaligen Leiters der Internatsschule Schloss Salem mit dem Titel «Lob der Disziplin» hatte für Aufruhr gesorgt. «Bild» war zur Stelle und schürte die Emotionen. Und plötzlich war sie da: die Diskussion über die Bildung der Zukunft.
So weit sind wir in der Schweiz noch nicht. Wir wähnen uns in besserer Position. Trotz Pisa-Schock vertrauen wir auf alte Stärken. Doch Stillstand bedeutet Rückschritt. Die Ruhe ist gefährlich. Wenn wir keine Vision haben, was unser Bildungssystem in zehn, zwanzig Jahren leisten soll, dann wird es sich nicht weiter entwickeln – mindestens nicht so schnell, wie es der Wettbewerb von uns verlangt.
Zwar weisen politische Sonntagsreden darauf hin, wie wertvoll der «Rohstoff Bildung» sei. Hin und wieder dürfen wir abstimmen – über Religionsunterricht oder Fremdsprachen. Berufsverbände vertreten munter ihre Interessen. Das alles ist legitim. Aber es verstellt den Blick aufs Ganze.
Ohne Bildung werden wir nicht genügend innovativ und leistungsfähig sein. Wer aber den Ast, auf dem er sitzt, mit linearen Sparübungen absägt, ist schlecht beraten. Und wer meint, es genüge, das Ausgabenniveau in der Bildung wenigstens zu halten, macht sich Illusionen. Der weltweite Wettbewerb spricht eine andere Sprache.
In Zukunft wird sich jeder Erwerbstätige mehrmals neu orientieren müssen. Schnurgerade Laufbahnen gehören der Vergangenheit an. Bildung wird dafür ein Wegweiser sein – wir brauchen sie in der Breite genauso wie an der Spitze. Dabei muss sie gepaart sein mit Leistungswillen und Selbstverantwortung. Aber unsere Bildung hat keine Lobby! Zu häufig erscheint sie nur im Zerrspiegel der Standespolitik, im Licht religiöser oder kurzfristig motivierter Interessen. Kennen Sie die Erziehungsdirektorenkonferenz? Wissen Sie, dass die Stiftung Avenir Suisse das Bildungsprogramm aus dem Portfolio kippen musste? Zu häufig delegieren Wirtschaftsvertreter das umfassende Engagement für Bildung an staatliche Organe. Durch ihr Abseitsstehen aber verlängern sie die gefährliche Ruhe in unserem Land. Diese Ruhe ist fatal. Die OECD hat nachdrücklich darauf hingewiesen, dass Bildung Wachstum schafft. Aber denken wir auch an andere Effekte: Bildung fördert Unbestechlichkeit und Sensibilität – was gibt es Besseres für das Leben in der multikulturellen Gesellschaft!
Bildung ist kein fossiler Brennstoff, der Abgas produziert und irgendwann erschöpft ist. Bildung ist eine erneuerbare Energie – sauber, sicher und leistungsfähig! Ein Land wie die Schweiz sollte begabte Jugendliche konsequent fördern. Hohe Abbruchquoten namentlich in der Berufsbildung kann es sich nicht leisten. Und es kann nicht zulassen, dass es im wichtigen Vorschulalter und der Grundstufe an Früherkennung und Frühförderung fehlt.
Die Skepsis gegenüber den Reformen im Kanton Aargau kann ich nicht verstehen. Da wird ein Gymnasium für Leistungsstarke abgelehnt, weil man angeblich Gleichheit will und Demokratie. War es nicht die Idee unserer Schulen seit je, allen die gleichen Chancen auf ein Fortkommen zu bieten – also auch den Leistungsstarken?.

© 2007 «Bilanz»

February 2007 | Cash | Download Interview

«Wir müssen Chancen mehr gewichten als Risiken»

Die Förderung des Unternehmertums gilt es zu stärken. Das sagt die Jurypräsidentin des Swiss Economic Award. Der Jungunternehmerpreis wird dieses Jahr zum 9. Mal vergeben. Eingabeschluss ist der 24. Februar.

Von: Claus Niedermann

Frau Müller-Möhl, verfügt die Schweiz über einen genügend grossen Nachwuchs an unternehmerisch denkenden Personen?
Carolina Müller-Möhl:
Wir haben in der Schweiz überdurchschnittlich viele motivierte junge Menschen, die in Theorie und Praxis sehr gut ausgebildet wurden. Was uns aber – auch im Vergleich zum Ausland – fehlt, ist der Drang vieler Jungen nach Unternehmertum, nach Selbstständigkeit. Das ist meines Erachtens eine Kulturfrage. Hierzulande ist die Angst vor einem Misserfolg grösser als beispielsweise in den USA. Bei uns läuft man leider noch immer Gefahr, nach einem ersten Misserfolg für das ganze Berufsleben gebrandmarkt zu werden. Und: Viele unserer Hochschulen fördern das Unternehmertum bei den Studierenden nach wie vor zu wenig. Dass es auch anders geht, zeigt die ETH Zürich mit ihrer erfolgreichen Venture-Initiative.
Sollten nicht schon die Primarschüler für das Unternehmertum sensibilisiert werden?
Je früher diese Sensibilisierung anfängt, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Das zeigt zum Beispiel die Aktivität von Young Enterprise Switzerland. Diese private Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, anhand speziell entwickelter Unterrichtsmodule für Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen deren wirtschaftliche und unternehmerische Bildung zu verbessern. Dabei übernehmen Wirtschaftsfachleute mit grossem Erfolg den Unterricht für einige Stunden und schaffen so die Brücke zur Praxis. Aber das ist bisher nur ein Tropfen auf den heissen Stein.
Bildung, Forschung und Entwicklung sind die Basis, damit neue, innovative Firmen entstehen können. Machen der Bund und die Kantone genug dafür?
Eindeutig nicht. Der Bund will zwar seine Ausgaben in diesem Bereich in den nächsten Jahren um jeweils 6 Prozent erhöhen. Solche Anstrengungen werden durch die laufenden Sparprogramme und durch die stetig wachsende Anzahl der Studierenden nur allzu rasch wieder zunichte gemacht. Schädlich im Bildungsbereich ist auch weiterhin der «Kantönligeist». Dieser übertriebene Föderalismus lässt viele, zum Teil beachtliche Reformanstrengungen im Bildungsbereich ins Leere laufen.
Und die Privatwirtschaft?
Auch hier ist gegenüber Jungunternehmen nach wie vor eine grosse Zurückhaltung festzustellen. Man traut ihnen zu wenig zu und erschlägt sie nur zu gerne mit einem Übermass an bürokratischen Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, bis eine konkrete Förderung und Mitfinanzierung erfolgen kann.
Investieren Sie selbst in Start-ups?
Ja, wenn wir vom Management und der Businessidee überzeugt sind. Auch in diesem Jahr haben wir schon in ein Start-up investiert. Bei der Müller-Möhl Group ist uns wichtig, dass die Jungunternehmen von einer realistischen Bewertung ihrer Firma ausgehen und dass sie sehr klare Überlegungen darüber gemacht haben, wie die langfristige Weiterentwicklung und die Finanzierung aussehen. Wir erhalten viele Anfragen von Start-ups und prüfen jedes Gesuch sorgfältig.
Der Swiss Economic Award hievte erst ein einziges Mal Frauen auf das Podest. Braucht es einen speziellen Preis für Jungunternehmerinnen?
Bekanntlich gibt es in der Schweiz schon mehrere Preise für Unternehmerinnen – denken Sie nur an den renommierten «Prix Veuve Clicquot», in dessen Jury ich dieses Jahr auch mitwirken darf. Tatsache ist aber, dass wir bis anhin zu wenig Bewerbungen von Jungunternehmerinnen für den Swiss Economic Award erhalten haben – hier wollen wir Gegensteuer geben. Wir haben in diesem Jahr darum auch erstmals die grossen Frauenberufsverbände direkt angeschrieben. Auf den Erfolg bin ich gespannt.
Es sind also nach wie vor zum grössten Teil Männer, die den Sprung ins Unternehmertum wagen. Braucht es eine spezielle Förderung der Frauen?
Die Frage ist falsch gestellt. Wir brauchen keine besondere Unternehmerinnenförderung. Frauen sind für die Selbstständigkeit mindestens so gut qualifiziert wie Männer. Wir müssen jedoch viel mehr tun, um es Frauen zu ermöglichen, die Familie und den Beruf sinnvoll miteinander zu kombinieren. Dann werden wir in Zukunft automatisch mehr Unternehmerinnen haben.
Eine letzte Frage: Warum sind Schweizer Jungunternehmer in ihren Plänen oft viel zurückhaltender als ihre amerikanischen Kolleginne und Kollegen? Backen die hiesigen Start-ups zu kleine Brötchen?
Das ist sicher auch eine Frage der Mentalität. Entscheidend scheint mir aber, dass sich die Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer hierzulande mit viel mehr Bedenkenträgern auseinandersetzen müssen als in den USA. Wenn wir mit dem Swiss Economic Award dazu beitragen können, dass künftig Chancen stärker gewichtet werden als Vorbehalte und Risiken, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

© 2007 «Cash»

May 2006 | Berner Zeitung | Download Interview

«Jungunternehmer planen sehr genau»

Carolina Müller-Möhl ist die neue Jury-Präsidentin des Swiss Economic Award. Sie ist von der Weitsicht der Jungunternehmer beeindruckt. Der Preis wird am Swiss Economic Forum vergeben,
das heute beginnt.

Frau Müller-Möhl, Sie sind eine viel beschäftigte Frau. Warum haben Sie sich dennoch entschieden, das Jury-Präsidium des Swiss Economic Award zu übernehmen?
Carolina Müller-Möhl: Es wird immer wieder betont, wie wichtig die kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) für unser Land sind. Doch Reden alleine genügt nicht. Der Swiss Economic Award bietet den angehenden KMU eine erstklassige Plattform, um die erbrachten Leistungen zu zeigen. Ausserdem finde ich die Begeisterung ausserordentlich, mit der die beiden Jungunternehmer Stefan Linder und Peter Stähli das Forum aufgebaut und entwickelt haben. Als ich für das Jury-Präsidium angefragt wurde, konnte ich das Angebot kaum
ausschlagen.

Was haben Sie in die Jury eingebracht? Den Blickwinkel einer Frau?
Frauen beurteilen viele Dinge anders als Männer. Das ist sicher ein Aspekt. Ein anderer Erfahrungshintergrund, den ich einbringe, ist meine sechsjährige Tätigkeit bei der Müller-Möhl Group.Diese gab mir vielfältige Einblicke in die KMU, in die wir investiert haben. Ausserdem prüfen wir laufend neue Investitionsmöglichkeiten. Ein Prozess, den ich eng begleite.

Die Tätigkeit einer Jury-Präsidentin und diejenige in der Müller-Möhl Group sind also ähnlich. Letztendlich geht es darum, die Zukunftschancen von Unternehmen einzuschätzen.
Absolut.Wir erhalten sehr viele Zuschriften, in denen wir für ein finanzielles Engagement angefragt werden. Ausserdem verfolgen wir bei Firmen, an denen wir beteiligt sind, das Geschehen am Markt sehr eng.

Was hat Sie bei der Arbeit in der Jury am meisten überrascht?
Die Müller-Möhl Group ist, was die Mitarbeiterzahl betrifft, auch ein KMU. Deshalb kannte ich die Probleme dieser Unternehmen bereits vor der Übernahme des Jury-Präsidiums. Bemerkenswert war für mich, dass es keine Frage des Alters ist, ob man innovativ ist oder nicht. Gerade ältere Unternehmer können sehr innovativ sein.

Was noch?
Die Jungunternehmen, die sich für den Award beworben haben, haben sich nicht einfach für ein waghalsiges, chaotisches Vorgehen entschieden. Sie alle haben sehr genau geplant und dann Schritt für Schritt ihren Plan auch realisiert. Bei vielen nominierten Unternehmen habe ich zudem Weitsicht gepaart mit Innovation und Kreativität festgestellt. Das zu sehen, ist begeisternd.

Warum gibt unter den Nominierten keine Jungunternehmerinnen?
Ich kann Ihnen diese Frage nicht mit ein paar Sätzen beantworten. Zu diesem komplexen Thema sind schon etliche Bücher geschrieben worden. Vielmehr möchte ich einen Aufruf aussenden: Ich wünschte mir, dass im nächsten Jahr mehr Kandidaturen von Frauen eingehen. Frauen dürfen durchaus den Mut haben, sich hier zu bewerben.

Wie hat sich das Verhalten der KMU in den letzten Jahren verändert?
Das kollektive Jammern der KMU hat sicherlich abgenommen und gehört der Vergangenheit an. Zudem habe ich bei den Kandidaten eine Aufbruchstimmung festgestellt.

Was behindert die Schweizer Jungunternehmen am meisten?
Um es auf einen Begriff zu reduzieren: die Bürokratie. Der ganze Papierkram, den die Unternehmen heute zu bewältigen haben, ist enorm zeitaufwändig. Auch wenn ich natürlich auch einsehe, dass all diese Formulare einmal zu einem bestimmten Zweck erstellt worden sind.

In welchen Bereichen ist die Bürokratie besonders belastend?
Die Mehrwertsteuer ist mittlerweile so komplex geworden, dass die meisten Unternehmer diese gar nicht mehr verstehen. Im Prinzip müssten sie einen Hausjuristen engagieren,damit sie alles richtig machen. All dies führt zu Fixkosten, die besonders die kleinen Unternehmen belasten.

Wo drückt ausserdem der Schuh?
Ein grosses Problem ist die Praxis zur indirekten Teil-Liquidation. Das bedeutet, es ist heute für einen Unternehmer äusserst schwierig, eine Firma seinen Kindern zu übergeben, ohne dass diese steuerlich sehr stark belastet werden. Weiter werden Unternehmensgewinne nach wie vor beim Bund und in den meisten Kantonen doppelt besteuert.

Bundesrat Joseph Deiss hat einmal gesagt: Die administrative Vereinfachung ist nicht einfach. Glauben Sie, dass hier ein Durchbruch zu schaffen ist?
Das Ziel muss lauten, dass für jede gesetzliche Bestimmung, die eingeführt wird, eine alte gestrichen wird. Heute kommen einfach immer neue Regeln hinzu. Von diesem Vorgehen müssen wir uns einfach verabschieden. Sonst wird das Regelwerk so dicht, dass man schliesslich dran erstickt.

Kleinere und mittlere Unternehmen haben oft ein angespanntes Verhältnis mit ihrer Bank. Tun die Banken genug für die KMU?
Meiner Ansicht nach müssen die Beziehungen zwischen den Banken und den KMU tragfähiger werden – dies im eigentlichen Sinn des Wortes. KMU brauchen Vertrauen und Partnerschaft über eine längere Zeit. Das heisst auch in Zeiten, in denen die Konjunktur lahmt. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass einzelne Banken in diesen
Zeiten bei langfristigen Finanzierungen sehr viel restriktiver werden.

Sie werfen den Banken vor, Schönwetter-Kreditinstitute zu sein.
Ich denke, die Banken sollten sich noch vermehrt auch antizyklisch verhalten. Längerfristig kommt ihnen das wieder zu Gute.

Was tut die Müller-Möhl Group zur Förderung von Jungunternehmen?
Als langfristig ausgerichteter Investor engagiert sich unsere Gruppe immer wieder bei KMU, wenn uns deren Businessplan und deren Perspektive überzeugen. Wir unterstützen die KMU also mit konkreten Taten.

In Thun befürchtet man, dass das Swiss Economic Forum eines Tages nach Zürich ziehen könnte. Was sagen Sie als Zürcherin dazu?
Die beiden Gründer, Stefan Linder und Peter Stähli, haben das Forum zu einer nationalen Networking-Plattform aufgebaut und hochkarätige Leute nach Thun gebracht. Deshalb möchte ich den Behörden von Thun empfehlen, in der Frage der Unterstützung des Forums Weitsicht zu üben. Leistung und Gegenleistung müssen in einem fairen Geben- und Nehmen-Verhältnis sein.

Für Sie wäre es einfacher, wenn das Forum in Zürich stattfinden würde.
Das wunderschöne Thun ist als Standort sehr geeignet. Als Teilnehmer aus Zürich wird man aus seinem Alltag herausgeholt. Deshalb fände ich es wichtig, dass das Forum in Thun bleibt.

Interview: Stefan Schnyder

© 2006 «Berner Zeitung»

October 2002 | Persönlich | Download Speech

«Medienpräsenz als Gratwanderung?»

Von Carolina Müller-Möhl

Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte heute gerne über meine Schwangerschaft sprechen … Nein, natürlich nicht über die Zeit, als ich meinen Sohn Elias erwartete. Sondern über jene Schwangerschaft, über welche die Wirtschaftszeitung Cash berichtet hat. Gelesen hatte ich den Artikel zunächst nicht. Aber nach verschiedenen besorgt-verärgerten Anrufen aus der Familie, von Freunden und Bekannten, warum sie denn das freudige Ereignis aus der Zeitung erfahren müssten, habe ich den Beitrag dann doch konsumiert – und zu meiner nicht eben kleinen Überraschung gelesen, ich sei wieder schwanger. In solchen Situationen, meine Damen und Herren, kann man durchaus in Selbstzweifel verfallen … Nun, offenbar hat sich Cash die Sache mit meiner Schwangerschaft nochmals überlegt und eine Woche später das Gegenteil gemeldet.

Vor dem Hintergrund dieser kleinen, aber leider durchaus wahren Geschichte mögen Sie verstehen, warum ich mein heutiges Referat unter dem Titel “Medienpräsenz als Gratwanderung” gesetzt und mit einem Fragezeichen versehen habe. Seien Sie unbesorgt: Ich habe durchaus nicht vor, Ihre wertvolle Zeit mit einer lautstarken Medienschelte zu verschwenden. Auch sind grosse, medientechnische Theorien nicht meine Sache. Viel lieber möchte ich Ihnen schildern, welche Erfahrungen ich persönlich mit Ihren Medien gemacht habe, seit ich nach dem Unfalltod meines Mannes im Jahre 2000 die Leitung der Müller-Möhl Group übernommen habe.

Natürlich wusste ich bei der Übernahme der Gesamtverantwortung für unsere Gruppe mit ihren Beteiligungen an mittleren und grösseren Unternehmen um die Wichtigkeit einer korrekten, auf Fairness und Offenheit beruhenden Beziehung zu den Medien. Ich hatte dies in meinem Studium gelernt und in meinen früheren beruflichen Tätigkeiten – übrigens auch auf der Seite der Medien – vertiefen können. Was ich aber doch wohl unterschätzt hatte, war, dass ich offenbar zahlreichen Klischées entspreche und dass solche Klischées von manchen Medienvertretern auch heute noch liebend gern bewahrt werden. Ich bin jung, weiblich, allein erziehende Mutter, blond … und überlasse es Ihnen, die Liste dieser Attribute weiterzuführen. Ganz offensichtlich fehlt manchem Journalisten und leider auch mancher Journalistin selbst in der heutigen Zeit schlicht das Vorstellungsvermögen, um nachvollziehen zu können, warum ich mich entschieden habe, das mir und meinem Sohn zugefallene Erbe nicht verwalten zu lassen, sondern selber unternehmerische Verantwortung zu übernehmen. Auch das illustriere ich gerne an einem Beispiel. Angesagt war der Besuch des Schweizer-Illustrierten-Jounalisten, der mit mir gerne wie mit anderen Vertretern der Wirtschaft ein Interview führen wollte. Ich habe mich sorgfältig auf diese Begegnung vorbereitet und war dann doch einigermassen überrascht, als der Journalist seine einleitende Frage formulierte: “Was machen Sie eigentlich in diesem Büro?” Meine Antwort, ich – wie andere auch – arbeite in meinem Büro, schien ihn nicht sonderlich aus dem Konzept zu bringen. Und so fragte er anschliessend, was für eine bezaubernde Uhr ich trage, wo meine Kleidung designt worden sei und so weiter. Erst auf meinen Einwand, ob er eigentlich solche Fragen auch den männlichen Repräsentanten aus der Wirtschaft stelle – so unter dem Motto: Herr Generaldirektor, wo kaufen Sie eigentlich Ihre Schuhe ?… – gelang es mir, den Journalisten und damit auch mich auf das eigentlich vereinbarte Thema zurückzuführen.

Ganz konnte es aber der gute Mann dann doch nicht lassen. Nachdem er eingesehen hatte, dass ich tatsächlich arbeite und versuche, zusammen mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen ernsthaften Beitrag zur Weiterentwicklung unserer Gruppe zu leisten – was uns übrigens in den anspruchsvollen beiden letzten Jahren recht gut gelungen ist – folgte dann doch noch die Frage, ob es mir nichts ausmache, meinen Sohn Elias dadurch zu vernachlässigen? Um nicht Gefahr zu laufen, an dieser Stelle zynisch zu werden, zitiere ich mich respektive meine damalige Antwort selber (das macht man doch so in der Wirtschaft …): “Ich habe mir die neue Lebenssituation nicht ausgewählt. Aber mit dem geerbten Vermögen nehme ich auch die Verantwortung für Elias wahr. Heute bin ich eine berufstätige, allein erziehende Mutter.”
Sie merken, die Gratwanderung meiner Präsenz in den Medien macht mir durchaus manchmal zu schaffen.Aber ich will fair sein. Nicht selten habe ich es auch mit Journalistinnen und Journalisten zu tun, die sich ernsthaft dafür interessieren, was die Müller-Möhl Group wirklich tut, welchen Beitrag sie zum Beispiel als grösste Aktionärin bei Ascom in der anspruchsvollen Turnaround-Situation leistet, in der sich dieses Traditionsunternehmen nicht zuletzt wegen Fehlleistungen früherer Verantwortungsträger befindet. Für solche Gespräche nehme ich mir nicht nur gerne Zeit, ich finde sie notwendig und durchaus bereichernd. Und ich bin mir sehr wohl dessen bewusst, dass ich diese Gratwanderung nur dann erfolgreich überstehen kann, wenn ich in den Medien Partner und nicht Feinde sehe.

Das ist allerdings manchmal einfacher gesagt als getan. Bis heute habe ich mich nicht daran gewöhnt, dass auch mein Privatleben für Journalistinnen und Journalisten zugänglich sein soll. Und ich bin mir ehrlich gesagt auch nicht sicher, ob ich mich daran gewöhnen möchte. Und damit sind wir mitten in jener Diskussion, die seit dem Fall Ringier/Borer hier zu Lande mit grosser Intensität, aber auch hie und da mit einer gewissen Verlogenheit geführt wird. Ich habe durchaus nicht die Absicht, mich heute zur Verteidigerin von Ringier in dieser Sache aufzuspielen. Hier sind Grenzen überschritten worden, die einfach nicht überschritten werden dürfen.Aber ganz so eindimensional, wie diese Debatte zum Teil geführt wird, liegen die Dinge wohl doch nicht. Aus meiner Erfahrung sind es häufig jene Menschen, die sich um Aufmerksamkeit seitens der Medien bemühen, die sich dann besonders lautstark wehren, wenn sie für einmal von einem Journalisten nicht besonders pfleglich behandelt werden. Allerdings kennen einzelne Medien auch kaum mehr Grenzen, wenn es darum geht, ihre Bedürfnisse durchzusetzen. Jeder, der schon einmal versucht hat, eine Interviewfrage aus – zumindest subjektiv – guten Gründen abzulehnen, weiss, wovon ich spreche.

Ich bin dafür, dass man für sich selber ganz klar deklariert, wo man die Grenze gezogen haben will. Ich habe das beispielsweise getan, nachdem ich mit meinem Freund in einem Zürcher Lokal diniert hatte und dies dem Blick einen grösseren Artikel wert war. Nein, wir haben an diesem Abend wirklich nur gegessen und uns, soweit ich das beurteilen kann, recht manierlich und zurückhaltend verhalten. Ich habe meinen Unwillen über diesen Artikel den Verantwortlichen sehr eindeutig ausgedrückt – und seither esse ich eigentlich immer ohne anschliessende Medienberichterstattung.

Und doch: Die Gratwanderung ist noch längst nicht abgeschlossen, weder für mich noch für andere in vergleichbarer Lage. Noch immer habe ich fast täglich mit Vorurteilen zu kämpfen, welche Medien über mich verbreiten. Vorurteile, ich gebe das gerne zu, die mich zunehmend beschäftigen. Da ist einmal das Vorurteil Frau. Machen Sie sich nichts vor, meine Herren, dieses Vorurteil gegenüber berufstätigen Frauen in leitenden Positionen ist in Ihren Redaktionen noch immer stärker verankert, als Sie dies wahrhaben wollen. Übertroffen wird dieses Vorurteil nur noch durch jenes gegenüber allein erziehenden Müttern, die berufstätig sind, weil sie dies müssen oder – noch schlimmer – weil sie dies wollen. Erst wenn diese Vorurteile wirklich beseitigt sind, kommen wir auf gesichertes Gelände und sind nicht mehr absturzbedroht. Für mich, aber wohl auch für Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, bleibt die trostreiche Binsenwahrheit, dass nichts so alt ist wie die Schlagzeile von gestern. Dazu ein Beispiel. Kurz nach dem Tod meines Mannes hiess es in grossen Lettern “Bankiers-Witwe erbt 674 Millionen Franken”. Diese Summe bezog sich übrigens auf unseren angeblichen Besitz an Ascom-Aktien, was unter anderem mit Blick auf die heutigen Börsenkurse einmal mehr beweist, wie vergänglich solche Schlagzeilen und solche Summen gleichermassen sein können. Einige Wochen später las ich, “Müller-Möhl-Witwe musste Lebenswerk ihres Mannes aufgeben”. Das war genau zu jener Zeit, als ich mich mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern daran machte, das Geerbte auf eine sichere Basis zu stellen, Leverage-Positionen zurückzufahren und unseren unternehmerischen Einfluss auf die von uns gehaltene strategische Beteiligung auszubauen. Später war dann immerhin von der “tapferen Witwe” die Rede. Und vor einiger Zeit wurde mir bestätigt, dass ich täglich in mein Büro am Weinplatz gehe und meinen Blick über das Grossmünster, die Limmat bis zu den Glarner Alpen schweifen lasse. Der Umgang mit Fakten ist und bleibt für manche Medien schwierig. So schwankte mein Alter – um ein letztes, nicht besonders schwergewichtiges Beispiel zu nennen – bei den Veröffentlichungen über mich in den letzten Monaten zwischen 28 und 35 Jahren. Wir könne uns heute ja darauf einigen, dass wir für die nächsten Jahre bei 28 bleiben.

Dass Sie, meine Damen und Herren, mich eingeladen haben, den heutigen Tag mit Ihnen zu verbringen, nehme ich als gutes Zeichen dafür, bei meiner Gratwanderung in und mit den Medien irgendwann wenigstens ein Etappenziel zu erreichen. Ich danke Ihnen.

© Persönlich; Oktober 2002; Seite 60

© 2002 «Persönlich»